"TOT" heißt die neuste Erfindung der Fernsehmacher, ein Akronym für "Tod oder Turandot". Eine andere Alternative bleibt dem Kandidaten dieses Super-Bräutigam-Castings nämlich nicht: Entweder er löst die drei Rätsel der stolzen Prinzessin Turandot und gewinnt sie zur Frau. Oder er wird von der Jury einen Kopf kürzer gemacht, und zwar im wörtlichen Sinn.
Das Märchen "Turandot", bekannter als Puccini-Oper hier gespielt in Schillers Gozzibearbeitung, ist Stoff für die große Showbühne. Und wenn Jens-Daniel Herzog im Münchner Residenztheater schon nicht wie zuletzt überall Oper machen darf, dann muss wenigstens ein Fernsehstudio her. Vorne hui, hinten pfui, ständig dreht sich Mathis Neidhardts Bühne mit ihrer stylishen Show-Arena und dem billigen Serail hinter ihren windigen Kulissen. Hier ist der Ober-Eunuch Truffaldin in Gestalt von Alfred Kleinheinz ein schmieriger Aufnahmeleiter, die Sklavinnen des Serails bezirzen als Showgirls und nicht nur wegen seiner Neigung zu ihnen und seiner Haarverpflanzung wirkt Turandots Vater wie ein italienischer Regierungschef, sondern auch in seiner Eigenschaft als Medienmogul. Ein Fest für einen so glänzenden Schauspieler wie Rainer Bock.
Erhalten geblieben sind nicht nur in Namen wie Brigella und Pantalon Elemente der Commedia dellArte. Herzog streicht sie mit Türschlagen, Überzeichnen und Überdrehen genüsslich hervor. Mag man anfangs zweifeln, ob sich das Fernsehformat dieser Tragikomödie ohne Verluste überstülpen lässt, Herzog schafft es, und zwar mit Gewinn. Würden sich doch die ewige Rätselraterei, das Versteckspiel des siegreichen Prinzen Kalaf, der als letzten Trumpf im Spiel um Turandot seinen Namen nicht preisgeben will, und das blinde Wüten der Prinzessin auf die Dauer etwas tot laufen. Mögen Herzogs Anspielungen und Aktualisierungen manchmal etwas zu naheliegend (ein Paul Potts singt "Nessun dorma") und in ihrer Fülle penetrant sein, die muntere Berlusconi-Burleske verträgts und macht Spaß. Lisa Wagner gibt eine rotzig-trotzige Teenager-Turandot und Thomas Loibl einen charismatischen Prinzen Kalaf, der trotz aller Komik seine tiefe Sinnkrise in körperlichen Verrenkungen glaubhaft machen kann. Am schönsten aber sind die kleinen Nummern hinter den Show-Kulissen, wenn Helmut Stange sich als Kalafs Vater ständig verplappert und Rainer Bock eitel in der Maske grimassiert...
Bayerisches Staatsschauspiel: 14., 23. 24., 30. Juli. www.bayerischesstaatsschauspiel.de