Theater

08. November 2012

Musiktheater "Allein": Kaum da, schon wieder fort

 Von Peter Uehling

„Allein“ von Juliane Klein wird beim Kreuzberger Festival für Neue Musik "Klangwerkstatt" uraufgeführt. Was als einstündiger improvisierter Verlauf musikalisch weitgehend überzeugt, bleibt indes inhaltlich einigermaßen dunkel.

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Die Evangelische Brüdergemeine in Berlin-Neukölln feiert ihre Gottesdienste in einem schmucklosen Raum. Man muss nur die Bänke aus Reih und Glied lösen, quer stellen, mit einzelnen Stühlen durchsetzen, schon erinnert nichts an den sakralen Zweck dieses Ortes. Dennoch, sei es durch die Orgel auf der einen Seitenempore, sei es durch ein bestimmtes Fluidum in der Luft, spürt man, dass dieser Raum von eigentümlicher Durchlässigkeit ist, dass in ihm unsichtbare Anwesenheiten beschworen werden.

Im dichtesten Moment des Musiktheaters „Allein“ von Juliane Klein wird dieses Fluidum zum Klang, zur unbestimmten Vibration des Raumes, hervorgebracht durch die geschlossenen Münder einer Art Chor. Seine im Raum verteilten Sänger haben auch die Augen geschlossen und bringen unkoordiniert und trotzdem intuitiv geordnet eine obertönige Harmonie hervor, so leise, dass es sich fast nur um schwingende Luft handelt. „Allein“ ist von ferne und dann doch sehr konkret eine Art Geistliches Spiel. Am Mittwoch wurde es im Rahmen des Kreuzberger Festivals für Neue Musik „Klangwerkstatt“ uraufgeführt – und erinnert in seiner experimentellen Gestalt an die originellen Konzepte geistlicher Musik, die Dieter Schnebel in den 60er und 70er Jahren “ ausprobiert hat: Hier wird das Geistliche nicht als das Ehrwürdige im altertümlichen Gewand beschworen, sondern in der Spiritualisierung modernster klanglicher Praxis.

Schwacher Beginn

Um diese überraschende Erfahrung zu machen, muss der Hörer allerdings durch einen eher schwachen Beginn. Die Klarinette, die zu Beginn kreischend die Stille aufreißt, das Gewittern des Schlagzeugs, den Sopran, der in höchster Lage das Wort „Vielleicht“ singt – das lässt man sich noch gefallen. Doch der Kontrast zur folgenden Klangfläche, deren kreiselnde Mollakkorde an Arvo Pärt erinnern, ist nicht frei von Kitsch. Zur „Frau“ (Claudia Herr), hat sich mittlerweile ein „Mann“ (Philipp Mayer) gesellt, und sie singen stockend Verse von Gottfried Benn. Sie münden in ein „Halleluja“, das trist im Raum verendet, aber den Chor in den Raum lockt, der sich aus stockenden Worten und Lauten allmählich zu einer Klangfläche aus „freue dich“-Rufen formt. Sie sind in ihrer harmonischen Fügung und ihrem Einsatz völlig frei, der Eindruck fröhlichen, neuartigen Klangs ist ungeheuer: Aus den Rufen bilden sich die farbigsten und freiesten Zusammenklänge, kaum kristallisieren sie sich heraus, sind sie schon wieder fort.

„Allein“ folgt keiner Partitur. Juliane Klein zeichnet nur für „Material und Konzept“ verantwortlich, die „musikalische Realisierung“ hat der Dirigent, Komponist und hier auch Cellist Jobst Liebrecht übernommen. Was als einstündiger improvisierter Verlauf musikalisch weitgehend überzeugt, bleibt indes inhaltlich einigermaßen dunkel. Dass es um eine soziale Dimension des Titels ginge, um das Alleinsein des Individuums in der Moderne, mag man zeichenhaft dem vereinzelten Singen von „Mann“ und „Frau“ entnehmen. So abstrakt dargestellt allerdings bleibt es ein Klischee. Und der Chor mit dem Rollennamen „Zeitgenossen“ überzeugt nun gerade durch seine Gemeinschaft im individualisierten Klang. So „allein“ der Einzelne sein mag, sowohl im „freue dich!“ als auch im Summchor mit geschlossenen Augen, sie alle erwecken eher den Eindruck, dass Zusammensein gelingen kann.

Dieser Eindruck trägt auch über den folgenden Zerfall der Gruppe hinaus. Da gehen sie mit unabgestimmten Lautaktionen wieder ihrer Wege, aber die Erfahrung des gemeinsamen Klangs hat alles verändert. „Allein“ fühlt sich nur der Zuschauer, wenn die Musiker und Sänger nach und nach den Saal verlassen. Auf uns allein gestellt, entscheiden wir mit dem Applaus, dass die Aufführung zu Ende ist.

Allein, 9., 10. 11., Evangelische Brüdergemeine, Kirchgasse 14-17, Berlin-Neukölln.

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