Das Herz der RuhrTriennale ist die Bochumer Jahrhunderthalle. Vor zehn Jahren hat Gerard Mortier diese räumlich und thematisch weitausgreifende Kulturanstrengung installiert, die seither einer ganzen Region eine Extradosis Kultur bietet, die über das Alltägliche hinausgeht. Mit den bespielten Orten bringt sie vor allem die eigene Industriegeschichte zum Leuchten und stärkt damit das eigene Selbstverständnis.
Als Intendant versuchte Willy Decker mit seinen Programmen thematisch eine Annäherung an das Judentum, dann an den Islam und jetzt im dritten Jahr als Abschluss, mit „Ankunft“ überschrieben, an den Buddhismus. Wobei das beim sensiblen Programmgestalter und Opernregisseur nicht auf eine plakative Illustration hinausläuft, sondern mehr auf die Suche nach den untergründig wirkenden Einflüssen und Querverbindungen dieser Welt-Religionen zu Hauptwerken unserer eigenen europäischen Kultur.
Und da ist gar nicht so abwegig wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ausgerechnet mit Richard Wagners wohl extremstem Werk zu beginnen und die alle Grenzen sprengende Liebe von Tristan und Isolde an den Anfang zu setzten. Was gerade bei diesem Werk ein besonderes Risiko ist, weil es seine Wucht im Klangrausch entfaltet, konditionsstarke und charismatische Protagonisten braucht und in seiner szenischen Realisierung besonders häufig eher scheitert, als gelingt.
Natürlich bleiben akustische Defizite. Der Klang kann sich in der Industriehalle halt nicht so entfalten und vollenden wie in einem Opernhaus. Hier wird doch einiges gedämpft oder verschluckt. Dennoch öffnet der spezielle Raum eine neue Dimension, so dass dieses Experiment als Ganzes auf eine beglückende Weise gelungen ist. Hier ist dem Regisseur Willy Decker und seinem Ausstatter Wolfgang Gussmann eine der besten Inszenierungen ihrer jahrzehntelangen Zusammenarbeit gelungen. Das Niveau der Protagonisten liegt über dem, was in Bayreuth letzte Woche noch erleben konnte. Und Kirill Petrenko ist ein Dirigent, der auch wegen seines mehrfach bewiesenen Wagner-Mutes in München (als GMD) und in Bayreuth (als Ringdirigent 2013) nicht zufällig ante portas steht.
Schwerpunkt Buddhismus ausgerechnet mit Wagners "Tristan und Isolde"
Gussmanns Rauminstallation besteht nur aus zwei riesigen weißen Flächen, die nahezu ständig in Bewegung sind. Jede für sich und in Bezug aufeinander. Manchmal schweben sie parallel übereinander und öffnen den Raum nach hinten. Für das bedrohliche Auftauchen der Seeleute bei der Überfahrt oder für einen Blick auf eine schwebende Kugel. Die ist Gestirn oder Projektionsfläche für Meereswogen und artifizielle Bebilderungen. Wobei die Ambitionen der Gruppe fettFilm der konsequenten und schlüssigen Reduktion Deckers in der Liebesnacht mit den verschlungenen nackten Körpern in der Homunculuskugel dann doch in die Quere kommt.
Beim Liebestod freilich lässt sich Decker nicht beirren. Den überlässt er seiner grandiosen Isolde Anja Kampe ganz allein, im Licht und auf einem kleinen Steg, der über das in Dreieckformation sitzende Orchester ragt. So konsequent und „richtig“ hat sich das seit Heiner Müllers Tristan-Finale in Bayreuth nicht mehr angefühlt. Dafür gelingt ihnen am Ende der Liebesnacht ein Coup. Da kopieren sie die beiden Platten in einer Projektion und lassen sie dann in der Entgrenzung des Alls verschwinden. Tristan und Isolde sind jetzt tatsächlich für einen Moment von der Welt losgelöst – bis Marke und Melot auftauchen und diese Illusion zerstörten. Die genial reduzierte Raumlösung ermöglicht intime Abgeschlossenheit und Entgrenzung mit gleicher Überzeugungskraft.
Der schwankenden Grund, das Balancieren am Abgrund und die Auflösung der Gewissheiten in der Grenzenlosigkeit eines inneren Raumes entfalten ihre metaphorische Überzeugungskraft aber auch, weil Decker seine Protagonisten als lebendige Menschen zeigt. Vor allem Anja Kampe ist eine Isolde aus Fleisch und Blut, mit bebendem Busen und klarer Artikulation. Christian Franz hält da, wo es drauf ankommt, mit, gestaltet seinen Aufzug mit originellem dramatischen Witz und klug gesparter Stimme. An Alejandro Marco-Buhrmesters kraftvollem Kurwenal gibt es ebenso wenig auszusetzen wie an Claudia Mahnkes Brangäne. Stephen Milling überzeugt als Marke insgesamt, so wie Boris Grappe seinen Melot profiliert.
Kirill Petrenko, der vor einigen Monaten schon in Lyon als Tristan-Dirigent gefeiert wurde, führt auch die Duisburger Philharmoniker zu ihrem Optimum, atmet mit seinen Sängern, schafft ebenso kühne Momente des spannungsvollen Innehaltens wie der emotionalen Ausbrüche. Und bezwingt die Tücken der besonderen Akustik soweit das eben geht. Mit diesem Tristan am ungewöhnlichen Ort sind Decker und Petrenko Wagners Ausnahmewerk vermutlich näher gekommen, als die meisten zeitgeistigen Annäherungen der letzten Jahre.
Nächste Vorstellungen: 31. August, 3., 9., 13., 17., 20. September 2011.
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