Ein Stück will er schreiben, der junge Autor, der nach Hause kommt zum Vater, mit dem Schiff auf die Nordseeinsel, von Berlin. Ein Stück über die Mauer, weil Stücke über die Mauer und ihren Fall so gut gehen (was wirklich der Fall war vor dem Jubiläum). Aber er muss nicht mal besonders ehrlich zu sich selbst zu sein, um zu sehen, dass ihm der Mauerfall so was von egal ist. Die Wende nervt, das Wendejubiläum nervt und Stücke zum Wendejubiläen nerven erst recht, und zwar alle. Aber alle machen mit. Und das nervt erst recht.
Also soll ihm der Papa (der auch nervt) ein paar persönliche Erlebnisse aus der Zeit der Wende erzählen. Unser Autor hat seinen Recorder angestellt und hofft auf ein wenig Human Touch, was Menschliches, Persönliches, Echtes halt. Und steckt damit mittendrin in der falschen Medienmaschine, die ihn so nervt.
Theater im Depot, Stuttgart: 26. Februar, 7., 10., 17. und 20. März. www.staatstheater.stuttgart.de
Man kann Nis-Momme Stockmann dabei zuhören, in seinem dritten Stück "Kein Schiff wird kommen", wie ihm die Worte im Mund faulig werden, so wie sie schon vielen jungen Autoren (wie etwa Hofmannsthal) faulig wurden, weil sie falsch klingen, die vorgekauten Worte. Aber Stockmann ist einer, der sich auf die Hinterbeine stellt, der nicht mitmacht und trotzdem weitermacht. Daraus entsteht "Kein Schiff wird kommen" und so entsteht ein Schriftsteller. Dieses Stück nervt nicht, weil bei diesem Vater-Sohn-Kampf auf der Insel trotz viel Bier etwas geschieht: Erst kapiert der Vater nichts, denkt man mit dem Sohn, dann kapiert der Sohn nichts, denkt der Zuschauer, und dann kapiert der Vater was, und der Sohn kapiert was und der Zuschauer auch.
Dieses Stück nervt nicht, weil es nicht bei Wende- und Medienkritik stehenbleibt, sondern eine Geschichte entdeckt, um die es geht, die Geschichte der Krankheit der Mutter, die zufällig 1989 war und mehr über Mauer und Fall sagt, als manchem lieb ist. Dieses Stück nervt nicht, weil es aus der Verweigerung ein Stückchen Wahrheit entsteht. Und es nervt nicht, weil die Auseinandersetzung des Autors mit sich selbst sich aufsplittert in die Stimmen der Familie und das einer Art innerer Notwendigkeit folgt.
Genau die inszeniert Annette Pullen in der Stuttgarter Uraufführung sehr klug. Lisa Wildmann, die später die Mutter spielt, ist am Anfang der Aufführung eine oder die Stimme des Autors, Sohnes und Tonbandbedieners. Mit seinem dritten Stück innerhalb kürzester Zeit hat Nis-Momme Stockmann, nur scheinbar der Verweigerer unter Deutschlands Jungdramatikern, so endlich eine Aufführung gefunden, die den Text entfaltet und die seine Dynamik sichtbar macht. In Stuttgart sieht man deutlich, was im Inneren dieses in sich verschränkten Stückes alles los ist.
Intelligentes Erzählen ist eine Tugend, die am Theater oft zu kurz kommt. Hier nicht. Am Ende hat man nachgedacht, ist berührt worden und man hat sich vielleicht sogar selbst etwas in Frage gestellt (egal ob als Vater oder Sohn).
Matthias Kelle spielt den Sohn und Jungautor mit erheblichem Wutpotenzial. Jens Winterstein setzt ihm einen Vater entgegen, der immer besser wird, je weniger er sagt. Am Ende klopft er dem Sohn auf die Schulter und fährt das Bier weg.