Die Empörung war groß im Jahre 1772, als man in Frankfurt am Main die Bürgerin Susanna Margareta Brandt öffentlich hinrichtete, weil sie zuvor ihr Kind in höchster moralischer Not umgebracht hatte. Eine ganze Bewegung, späterhin unter dem Rubrum "Sturm und Drang" zu einigen Ehren gelangt, nahm sich der doppelt schrecklichen Causa an, nicht wenige dramatische Dichtungen fanden zu entsprechend emotionalem Ton. Darunter befand sich auch das 1776 verfasste Trauerspiel "Die Kindermörderin" von Heinrich Leopold Wagner. Im Mittelpunkt Evchen, eine gerade mal 18-jährige Metzgerstochter, die von dem adeligen Leutnant von Gröningseck erst mit Schlafpulver betäubt und dann geschwängert wird und eben bald darauf keinen Ausweg mehr weiß aus der misslichen Lage.
Im Deutschen Theater Berlin, wo Nuran David Calis sein Stück "Schattenkinder" frei nach Motiven der "Kindermörderin" inszeniert hat, ist aus Evchen Eva geworden: ein hübsches Ding mit kurzem schwarzem Kleidchen und traurigen Kulleraugen. Heute hat Eva Geburtstag, und wie das so ist in unseren Zeiten, wird die Party in einem "undergroundigen" Techno-Club gefeiert, bis morgens früh um fünf, sechs oder sieben. Irina Schicketanz hat zu diesem Zweck eine Röhre aus Beton auf die Drehbühne der Kammerspiele gesetzt, aus der nun die Feiernden herausspringen wie Frischgeschlüpfte aus einem Ei.
Vorneweg Magista, dem Eva versprochen ist. Der Typus moderner Geschäftsmann (blauer Anzug, lässige Attitüde), aber doch nicht so ganz wie er im Buche der Postpostmoderne steht. Und ein paar Sekunden des Schmunzelns muss man erst einmal überstehen, um sich an die Frisur von Ulrich Matthes zu gewöhnen. Sein Magista trägt lange Mähne und eine prächtige Laune zur Schau, die jedoch ebenso wenig glaubwürdig wirkt wie die gesamte Figur. Matthes, der Virtuose der Verstellung, kann vieles spielen. Aber den jugendlich gebliebenen Girlie-Liebhaber nimmt man ihm nicht ab.
Problematischer noch mutet eine andere Konstellation an. Den adeligen Leutnant bei Wagner hat Calis in den Diskotheken-Türsteher Grönsbeck verwandelt. Ein massiger Kerl mit weichem Herzen (Christoph Franken), flankiert von zwei kräftigen proletarischen Berliner Burschen (Mike Adler, Johannes Schäfer), aber kaum der Mann, den Eva wählen würde, hätte sie die Wahl. Diese Wahl aber hat sie im Grunde nicht, denn das Stück erzählt davon in keiner Sekunde etwas. Wie Steine prallen die Protagonisten aufeinander und fliegen wieder auseinander, ohne dass man erführe, welcher Magnet warum und wie wirksam geworden wäre. Das gilt für Eva und Grönsbeck, das gilt für Eva und Magista, und das gilt auch für Evas Vater (distanziert herb: Matthias Neukirch) und Evas Freundin Lisa, die Claudia Eisinger als hysterisch-verzweifeltes Sex-Subjekt spielt.
Dies das eine Hemmnis, das theatral zwingendes Agieren und dramaturgische Logik verhindert. Das andere ist die Sprache. Calis hat von Wagner Zitate übernommen und in sein Stück montiert. Das allein wäre noch verständlich, würde die Montage irgendwelche Verbindungen schaffen. Was die Sache aber scheitern lässt, ist, dass diese Satzfragmente in "Schattenkinder" kaum einen Anhaltspunkt finden. Der hohe Ton des Trauerspiels verpufft im künstlich materialisierten Raum, die Totalität der Gegenwart behauptet lediglich eine Verbindung zum Vergangenen, erweist sich letztlich aber nur als inhaltsleere Zeitlosigkeit.
Immerhin, einige berührende Momente gibt es. Sie sind stoffbedingt. Wen würde es nicht anfassen, wenn eine junge Mutter ihn (über ein großes Video, das für Rückblenden genutzt wird) anblickt wie durch einen Tunnel und sagt, dass sie mit der Welt nichts mehr zu tun hat - und man weiß, gleich wird sie ihr Kind umbringen, weil sie nicht weiter weiß. Solcher Schmerz ist immer gültig, spürbar. Da er an diesem Abend am Anfang steht wie ein Menetekel, ist die Fallhöhe umso größer.
Deutsches Theater Berlin: 27., 30. Mai. www.deutschestheater.de