Trichterlautsprecher. Die Bühne ist voll davon. Drei Schauspieler, barfuß, in grauen Anzügen und weißen Hemden produzieren Geräusche für die Mikrofone. Eine Autofahrt, Fetzen von Radioprogrammen. Daniel Putkammer ist jeden Morgen lange unterwegs, bis er im Büro ankommt. Den Wahnsinn der Arbeitswelt beschreibt der 1980 geborene Oliver Kluck in seinem neuen Stück "Warteraum Zukunft".
Der junge Autor ist ein leidenschaftlicher Anstoßerreger. Bevor er für die Bühne schrieb, verfasste Oliver Kluck Beschwerdebriefe, präzise formuliert, wuterfüllt, im vollen Bewusstsein der Arbeitnehmerrechte. Ein Schrecken seiner Chefs. Beim Dramatikersymposium "Schleudergang Neue Dramatik" der Berliner Festspiele fiel er auf, weil er nicht wie die anderen jammerte und Hausautorenstellen forderte. Kluck bekannte sich zu einem Künstlerleben ohne Rücksicht auf Geld, Ver- und Absicherungen. Wieder eckte er an, störte den kuscheligen Konsens, blieb auf freundliche Weise stur.
Nun werden seine Stücke gespielt, in Chemnitz, Berlin und Hamburg, wohin auch die Uraufführung von "Warteraum Zukunft" nach den ersten Vorstellungen bei den Ruhrfestspielen wandern wird. Vier weitere Theater haben bereits Neuinszenierungen angekündigt. Zu Recht, denn Kluck wirft einen unsentimentalen, witzigen und gnadenlosen Blick auf die Zumutungen der Arbeitswelt. Ein Tag im Leben des Ingenieurs Daniel Putkammer, konzentriert auf anderthalb Stunden Theater, ein Tag mit unerträglichen Kollegen, großer Freude über eine Beförderung und großem Frust, weil der neue Arbeitsort in Rumänien liegt, mit Sexfantasien, Alkohol und schließlich einem Sekundenschlaf am Steuer. Ein dumpfes Geräusch, ein Fahrrad im Straßengraben, eine Leiche auf dem Asphalt. Schnell weg nach Hause, hoffentlich hat´s keiner gesehen.
Die Beschreibung des Büroalltags gerät in die Nähe der Comedy. Die Sekretärin mit den hoch geschnallten Torpedobrüsten, der Zwiebelmettbrötchenfresser mit den schlechten Zähnen, der verwahrloste Gewerkschafter, der diktatorische Chef - ähnliche Charaktere kennt man auch aus Fernsehserien wie "Stromberg". Kluck zeichnet Karikaturen, scharf und einfach konturiert, jeder, der schon einmal länger in einem Büro war, erkennt jemanden wieder.
"Warteraum Zukunft" ist unverschämt unterhaltend, aber was das Stück über die gängige Satire hinaus hebt, ist die klare Haltung des Autors. Oliver Kluck ist wütend, er will sich nicht nur systemimmanent lustig machen, die Verhältnisse bespöttelnd hinnehmen. Der Knall am Ende, der Tod des Radfahrers resultiert nicht aus dem individuellen Versagens Daniel Putkammers. Er steht für eine ganze Gesellschaft der Gehetzten, die durch den alltäglichen Druck kurz davor sind durchzudrehen und jeden Blick über die nächste Aufgabe hinaus verloren haben.
Das hat die Regisseurin Alice Buddeberg genau verstanden und umgesetzt. Alle drei Spieler auf der Bühne sind Daniel Putkammer, aber auch alle anderen Figuren, ebenso die Radiostimmen, die Geräusche, die gesamte Welt. Der Autor gibt keine Rollenaufteilung vor und lässt den Theatermachern bewusst Freiraum, mit seinem Text umzugehen. Das explosive Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg entwickelt eine gewaltige szenische Fantasie, schafft skurrile Klangsphären, verwächst mit den Trichterlautsprechern zu seltsamen Wesen, spielt, singt und turnt, was das Zeug hält.
Das Licht im Zuschauerraum bleibt an, manchmal klettern Ute Hännig, Daniel Fries und Martin Wißner ins Publikum, stellen Fragen, improvisieren. Ein Besucher beruhigt den panischen Putkammer mit der Versicherung, es gebe bestimmt kaltes Bier in Rumänien.
Die Uraufführungen laufen im Theaterzelt. Nebenan im Ruhrfestspielhaus agieren die Stars. Edgar Selge gibt den Dorfrichter Adam auf der großen Bühne, und im kleinen Haus wispert, singt und deklamiert Hanna Schygulla "Marieluise", eine poetisch verdichtete Lebensbeschreibung Marieluise Fleißers. Das hat schöne Momente, ist aber zu oft eitles Startheater, zumal die Regisseurin Alicia Bustamante die Manierismen Schygullas ausstellt und Texte szenisch verdoppelt.
Die lebendigste Seite der Ruhrfestspiele ist die Serie der Uraufführungen, die naturgemäß stets auch Wundertüten sind. Mit Oliver Kluck präsentiert Recklinghausen einen Dramatiker, für den die Zukunft nun keinen Warteraum mehr darstellt. Der Theaterbetrieb wird sich auf ihn stürzen. Bleibt zu hoffen, dass sich Kluck nicht gleich mit mehreren Stückaufträgen im Gepäck nach Rumänien jagen lässt.
Ruhrfestspiele Recklinghausen, Theaterzelt, Karten: 02361 92180. www.ruhrfestspiele.de; ab Herbst 2010 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. www.schauspielhaus.de