Jede Neuproduktion von György Ligetis "Le Grand Macabre" wird zu einer Haltbarkeitsprobe dieser Begegnung von absurdem Theater (Vorlage ist Michel de Ghelderodes Schauspiel "La balade du Grand Macabre") und einer eklektizistischen, musikalischen Avantgarde, die auch für ein breiteres Publikum leicht verdaulich ist.
Als Ligeti Ende der siebziger Jahre in seiner Weltuntergangsgroteske einen zerstörerischen Kometen auf das seltsam schräge Breughelland zurasen ließ, da fühlte sich die Welt gerade von einer atomaren Katastrophe bedroht. Heute, 30 Jahre nach der Uraufführung in Stockholm, wäre es wohl angestaubt, daraus nur eine aktualisierte politische Parabel der Warnung vor den anhaltenden Existenzbedrohungen zu machen.
In Brüssel haben jetzt der La Fura dels Baus Künstler Alex Ollé und Valentina Carrasco in der verwendeten, überarbeiteten Version von 1996, weniger den agitatorischen Möglichkeiten nachgelauscht, als die Bedrohungen des Lebens, die ganz individuell vom Menschen selbst kommen, ins Visier genommen. Das vom Komponisten vorgeschriebene Breughelland im "soundsovielten Jahrhundert", das Flores auf die Bühne gesetzt hat, ist eine riesenhafte, begehbare Körperlandschaft. Zu den ersten alarmistischen Tönen, die der durchweg auf präzise Transparenz bedachte Leo Hussain aus dem Graben schickt, darf man der Fressorgie einer Frau cineastisch beiwohnen.
In einem Ambiente der Marke "wie bei Hempels unterm Sofa" geht sie zwischen Burger, Pizza und der Boulevardschlagzeile "Krise" in einem Röchel-Anfall auf die Knie. Was dann die Bühne ausfüllt, ist eine Nachbildung dieser zu Boden gegangenen Frau, ein Hand aufgestützt, Augen und Mund aufgerissen, die Riesenbrüste aufliegend. Das sieht aus, als hätte der Star der Menschenskulptur-Produzenten Ron Mueck versucht, eine der Visionen von Hieronymus Bosch nachzuformen.
Da verbirgt sich ein Skelett hinter der abnehmbaren linken Brustwarze. Da schnalzt hin und wieder eine bewegliche Zunge in der Mundöffnung, aus der sich dann auch der finstre Nekrotzar (Werner Van Mechelen) zum Suffkopp Piet vom Faß (Chris Merritt singt das exzellent) abseilt, um mit der großen Sense erst einmal Schädel durch die Gegend zu wirbeln und mit der Sanduhr in der Hand das Ende der Welt zu verkünden.
Der Körper ist auch die Spielwiese für das Liebespaar Clitoria-Amanda und Spermando-Amando, das anatomisch muskulös und wie aus der Körperweltenausstellung entwischt daherkommt und sich zum Liebesspiel auch mal in die linke Brust verdrückt. Während "draußen" die hängebrüstige Domina Mescalina (Ning Liang) mit unnachsichtiger Gier, Schenkel rauf und Rücken runter, ihren Dessous tragenden Astradamors (Frode Olsen) verfolgt.
Das Treiben am Hofe des in Gold verpackten, etwas kindischen Prinzen Go-Go (Brian Asawa) und seiner beiden exemplarisch in schwarz und weiß aufgeteilten ministeriellen Politclowns ist der Körperrückseite zugeordnet - Politik als Arschkarte sozusagen. Das entsprechende Personal entsteigt denn auch direkt dem Hinterteil, auch der Geheimdienstchef (Barbara Hannigan) und seine martialisch herumspringende Kamarilla. Diese Revue mit (von Franc Aleu durchweg technisch imponierend) projizierten Augen, Gesichtern, samt Großskelett und Höllensturz, weitet sich zu einer Darmspiegelung, die zum Blick vor allem der ersten Welt in den Spiegel ihrer Unfähigkeit wird, mit sich selbst zu haushalten. Nach einem kurzen Entweichen ins himmlische Wolkenwabern führt schließlich ein großes Kotzen anstelle des Weltuntergangs am Ende, wieder an den Beginn einer neuen Runde von Verantwortungslosigkeit zurück.
Für Brüssels Intendanten Peter de Caluwe gehören die überhand nehmenden internationalen Koproduktionen (auch in der kommenden Spielzeit) offenbar zu den Voraussetzungen eines Stagione-Theaters, das nicht auf Ambitioniertes verzichten will. Diese Produktion gehört allerdings auch zum Besten, was aus dem Umfeld von La Fura dels Baus in letzter Zeit hervorgegangen ist. Bei ihren Opernausflügen setzten die Spanier zwar auf ihre imponierende theatralische Vitalität, kamen aber meist nicht über die Faszination grandioser Bilder hinaus. In Brüssel haben sie ihr Stück gefunden. Zusammen mit dem bravourösen Solisten-Ensemble und einem Hausorchester in Hochform kam so ein bejubelter Abend zustande.