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Theater

02. März 2015

Oper Frankfurt: Auschwitz, ein Totenschiff

 Von Hans-Klaus Jungheinrich
Sara Jakubiak und Brian Mulligan als Marta und Tadeusz.  Foto: Barbara Aumüller

Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“ inszeniert Anselm Weber in Frankfurt. Höchster Kunst- und Wirklichkeitsverstand und sorgsamste Reflexion zeichnen die Inszenierung aus.

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Zofia Posmysz, die wirkliche Passagierin, eine zierliche, elegante 92-jährige Dame aus Polen, war wieder selbst anwesend. Sie dankte am Schluss für den herzlichen Publikumsbeifall, den Regisseur Anselm Weber mit einer kordialen Dirigierbewegung zu standing ovations im ausverkauften Haus angestiftet hatte.

Mehr als 70 Jahre nach ihrem Lageraufenthalt in Auschwitz durchlebte die Autorin ihre einstige traumatische Situation erneut als (Musik-)Theater. Nach ihrer Erzählung schrieb der jüdische Landsmann Mieczyslaw Weinberg, in die Sowjetunion emigriert und ein enger Freund Dmitrij Schostakowitschs, seine Oper „Die Passagierin“.

Bald ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung gehört sie, seit ihrer Bregenzer Entdeckung 2010 durch David Pountney, zum unverlierbaren Bestand der zeitgenössischen Kunst, an dem sich ambitionierte Häuser bewähren können und müssen. Die jüngste Frankfurter Erstaufführung dürfte nun, vor allem, was die szenische Realisierung betrifft, neue Maßstäbe gesetzt haben.

Nicht unverständlich, dass angesichts dieses Sujets die Befangenheit, ja Beklommenheit des Rezipienten umso größer ist, desto adäquater, ernster, sachgemäßer die Darstellung gelang. (Schon von einer Gelungenheit im Gusto des normalen Kunstenthusiasmus zu sprechen, verbietet sich hier eigentlich).

Das war in der Pause zu beobachten, da sich nur zögernd und gleichsam widerwillig ein tröpfelnder Applaus im Auditorium einstellen wollte. Das befremdend Ungeheuerliche, das ungeheuerlich Befremdende der Szene erzeugte eine Art Lähmung. Diese wich am Ende des Abends wohl auch aus dem pragmatischen Impuls heraus, dass alle an der Wiedergabe Beteiligten um verdiente Anerkennung doch auf gar keinen Fall betrogen werden sollten.

Höchster Kunst- und Wirklichkeitsverstand, sorgsamste Reflexion, ein bescheidenes Zurücknehmen horribler Effekte: Mit diesen Tugenden übertraf das Frankfurter Engagement für das Stück – wohl auch dank der intensiven gedanklichen Vorarbeit des Produktionsdramaturgen Norbert Abels – die vorangegangenen Bemühungen in Bregenz und Karlsruhe.

Das Schiff ist das Lager. Das Lager, ein Totenschiff

Eine bestimmende Bildidee ging von der Bühnenkonstruktion (Katja Haß) aus. Es handelte sich dabei um eine Vereinheitlichung der Schauplätze. Der Ozeandampfer, auf dem sich die ehemalige Gefangene Marta und die KZ-Aufseherin Lisa treffen, wird hier sofort und ohne alle Umstände zum Ort Auschwitz. Wenn sich die Schiffsseite durch Drehung wendet, erscheint kein Schiffsinneres, sondern der Lagerhof mit dem brutalen Eisentor im Hintergrund.

Auch das Äußere des Schiffes assoziiert schon etwas Zwingburgartiges mit seinen Treppenstegen und den schmalen Türen, in denen plötzlich Lagerinsassen auftauchen können. Das Schiff ist das Lager. Das Lager, ein Totenschiff. Das Schiff, ein Todeslager. Überleben, eine Nichtmöglichkeit, eine Verbotenheit.

Die Überlebende: durchaus so etwas wie eine Illegale, eine quasi blinde Passagierin. Sara Jakubiak spielt und singt diese Marta mit der fast unwirklichen Aura einer schimmernd schönen Untoten. Ganz menschlich wird sie in den ausgebreiteten, lyrischen Lagerszenen, in denen sie ihre weiblichen Mitgefangenen tröstet und, mit geschorenen Haaren, für ihren Liebsten Tadeusz zur „Lagermadonna“ wird. Als solche tituliert sie die Wärterin Lisa – Tanja Ariane Baumgartner in einer ihrer psychologisch komplexesten Rollen –, die mit ihr ein katzenhaftes Spiel zwischen Zuwendung und Sadismus treibt (ein charaktertenorales Kabinettstück: Peter Marsh als ihr Partner Walter auf dem Schiff). Ein unerklärt bleibender Zufall, dass Marta dabei nicht den Tod findet. Ihm entgeht Tadeusz (visionär baritonal: Brian Mulligan) nicht. Sein großer geigerischer Auftritt mit Bachs d-moll-Chaconne anstatt des Lieblingswalzers des SS-Schergen ist der dramatische Höhepunkt: eine heroische Geste, ebenso sinnlos wie kathartisch.

Eine weitere Peripetie wird von Weber sinnfällig markiert. Kurz vor Schluss wird tatsächlich einmal der Festsaal des Schiffes mit den tanzenden Gästen gezeigt. Wie eine fremde Fee gerät Marta unter die Feiernden und gibt der Bordkapelle ein unhörbares Kommando.

Und prompt erklingt der fatale, vulgäre Walzer aus dem Lager, für Lisa der vernichtende Beweis, dass es sich bei der rätselhaften Passagierin um ihr ehemaliges Opfer handelt. Blitzschnell verwandeln sich die Schiffsreisenden in KZ-Häftlinge, die ihren hymnusartigen Schlussgesang anstimmen (Tilman Michael hat den Opernchor auf seine vielfältigen Aufgaben hier exzellent vorbereitet). Vor dem geschlossenen Schiffsaufbau singt Marta ihr leise eindringliches finales Lied, zart unterstützt von Holzbläsern. Ein nahezu substanzloser Pfeifton der Piccoloflöte bleibt im Raum stehen.

„Die Passagierin“ ist kein Schauspiel und kein Film, sondern eine Oper. Wie hört sich Auschwitz-Musik an? Auch Weinberg wusste genau, dass in den Lagern viel und pervers „auf Kommando“ musiziert wurde. Diese bitter-sarkastische Dimension, kulminierend im erwähnten Walzer, spielt in der Partitur eine bedeutende Rolle. Noch weitaus dominanter sind freilich die leisen, zurückhaltenden, mitunter fast erstickten Tönungen, gewissermaßen ein lyrischer Minimalismus, der, ohne sonderlich zu verklären, das auf ein emotionales Mindestmaß Zurückgeschraubte imaginiert.

Die Zeit scheint stillzustehen in diesen erinnerungsverhangenen Solovokal- und Chorpassagen, die oft nur von einzelnen Instrumenten nah am Rande des Verstummens imaginiert werden. Die Fragilität eines Morton Feldman ist hier gar nicht so fern, trotz der tonalen Grundierung Mieczyslaw Weinbergs.

Wie Schmerzattacken brechen dann immer wieder die auch in der Musik nicht fehlenden martialischen Gewaltakte des Lageralltags als dröhnende Bruitismen herein und zerschlagen die sublimen, manchmal auch volksliednahen Klanggewebe.

Der Dirigent Christoph Gedschold kann sich glaubwürdig und somnambul in Einzelklängen scheinbar verlieren, zeigt aber, zusammen mit dem klar reagierenden Opern- und Museumsorchester, immer wieder auch die Geistesgegenwart für dramatische Schürzungen.

Wie schön wäre es, wenn Zofia Posmysz noch viele „Passagierin“-Neuinszenierungen auf vielen Bühnen mitfeiern könnte! Nicht, dass es um Versöhnung ginge. Zu verzeihen, zu vergessen ist nichts. Erinnern tut not. Das war auch die fast verzweifelte Botschaft der ständig mahnenden Schriftprojektionen. Neben Bild und Musik nochmals ein unaufhörliches Sprechen.

Oper Frankfurt: 6., 8., 14., 20., 22., 28. März. www.oper-frankfurt.de

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