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Theater

29. Juni 2015

Oper Stuttgart „Rigoletto“: Gildas liebster Sparring-Partner

 Von 
Der verzweifelte Vater bemüht sich, die Situation zu retten, der Herzog und Gilda sind gleichmütig, der Männerchor gafft: "Rigoletto" an der Oper in Stuttgart.  Foto: A. T. Schäfer

Jossi Wielers und Sergio Morabitos Stuttgarter „Rigoletto“ ist als Inszenierung zwiespältig, aber zumindest intensiv. Sängerisch wird ein Fest geboten.

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An diesem „Rigoletto“-Abend, an dem die Sänger dem Publikum den Boden unter den Füßen wegziehen und der Jubel darüber am Ende lange nicht aufhören will, ist einiges klassisch, anderes ambitioniert, auch verkrampft.

Jossi Wieler und Sergio Morabito wollen ein ungewohntes Licht auf Gilda werfen, zum Beispiel. Ihr Vater, der traurige Berufsnarr, hat sie burschikos erzogen. Im Garcon-Look tritt sie uns entgegen, Rigoletto ist ihr ein lieber Sparring-Partner. Die antrainierte Wehrhaftigkeit hat ihre Logik, weil Rigoletto am besten weiß, was jungen Frauen passieren kann.

Abwegiger wird es aber, wenn Gilda nun eher gereizt auf Rigolettos Rettungsversuche nach ihrer Entführung reagiert. Ob man das „Weine, Mädchen“ tatsächlich auch als Aufforderung begreifen kann, während Gilda ungeduldig den Kopf schüttelt und mit dem Knie zappelt? Schwierig.

Banal: Bei Rigolettos daheim werden abends Flugblätter mit der Aufschrift „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hergestellt. Genial: Rigoletto lässt sich vorher noch rasch in einen riesigen geringelten Pullover helfen. Er muss riesig sein, damit er über den in Stuttgart unverhohlen großen Buckel passt. Friedvolle Häuslichkeit eines von der Außenwelt als lachhaftes Monstrum wahrgenommenen Familienvaters.

Selten hat er in Stuttgart Gelegenheit, allein zu sein. Vor der Pause geht schon das Saallicht an, halb verlegen und womöglich auch halb verrückt trollt sich der verzweifelte Rigoletto, soeben vom Fluch eines anderen verzweifelten Vaters eingeholt worden. Am Ende taucht hinter dem herabsinkenden Prospekt der Chor wieder auf, schaut interessiert zu, kalt.

Sie sind dicht an den Figuren

Denn während sie sich manchmal vergreifen und während sie uns manchmal ausnüchtern wollen, sind Wieler und Morabito doch erschütternd dicht dran an den Figuren. Greifbar die Spannung auf der von Bert Neumann eingerichteten Drehbühne, in deren Mitte sich Rigolettos bescheidenes Haus befindet. Es ist eingekeilt in einem Schacht anderer grauer Gebäude, teils Kulisse, teils Prospekt, der nach der Pause rot entflammt wird. Wie überhaupt Rigoletto vage in eine Revoluzzer-Richtung gedrängt wird, in die er von sich aus auf keinen Fall gehen würde. Für die Hofszenen schließt sich ein Vorhang um die Drehbühne, silberne Stühle davor, das Separee für die Lustbarkeiten des Herzogs dahinter. Auf den Stühlen lungern die Hofschranzen.

Und wenn man über die fulminante musikalische Leistung des Abends spricht, kann man gerne mit den Herren des Opernchores beginnen. Sie singen wie ein Mann, unerhört scharf, präzise, kompakt, aus- und abschwellend nach Bedarf des Dirigenten Sylvain Cambreling. Und sein Bedarf ist erheblich, ein delikater, interessanter, unausgelaugter Giuseppe Verdi soll hier erklingen, erklingt hier auch aus dem Graben.

Viele Einzelne sind ein Mob

Und die Männer brauchen keine Rohheit, um zu einem Rudel zu werden. Dabei sind sie zumeist in großer, ins Turnerische gehender, individuell eingeübter Bewegung – es gibt vorneweg Höhnende, Mitläufer, Zurückhaltende, Verlegene, ein Mob besteht immer aus lauter einzelnen Leuten.

Detailliert erst recht der Umgang mit den Hauptpersonen. Es ist zwingend in dieser allemal intensiven, um Lebensnähe bemühten Lesart, dass der Herzog von Mantua ein Hecht ist. Atalla Ayan singt ihn als Rollendebütant, der junge Brasilianer, der kürzlich in Baden-Baden ein topfitter Alfredo war, bewältigt das spielend und wirkt beunruhigend viril dabei. Stimmlich fehlt gelegentlich noch der letzte Schmelz, die Präzision in der Intonation, und die trügerischen Frauenherzen dürfen straffer und schneller sein. Das aber liegt nicht am sensationellen Stimmmaterial.

Ana Durlovskis Gilda ist perfekt in Ton und Bild, weich, groß und wie unbegrenzt beweglich die Stimme. Gar nicht so gewaltig, aber durchschlagend und ungemein nuanciert wirkt Markus Marquardts Titelheld, dabei ein Bär von einem Menschen. Aber selbst die unangenehme und nicht naheliegende Aufgabe, an einer Leiter herumzuklettern, bewerkstelligt er hurtig.

Es ist so erfrischend, nach einem solchen Abend Rigoletto und den Herzog heiter feixen zu sehen. Das ist Oper, das kann nur Oper.

Staatstheater Stuttgart, Opernhaus: 1., 6., 10., 15., 18. Juli. www.staatstheater-stuttgart.de

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