Theater

06. November 2012

Oper Zürich: Die schöne Wut

 Von Hans-Klaus Jungheinrich
Raffinierte Schlichtheit: Anne Sophie von Otter.  Foto: T&T Fotografie

Eine Kaufhausballade: Christoph Marthalers Händelprojekt „Sale“ an der Oper Zürich

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Opern-Wechselbäder in Zürich: Nach Tscherniakows gepflegtem, wie aus einem erstklassigen Einrichtungshaus übernommenen „Jenufa“-Interieur (diese Einstandspremiere der Intendanz von Andreas Homoki wurde, wenngleich sie alles andere vermittelte als die originale Dorfgeschichte, allgemein bejubelt) nun die zünftige Schäbigkeit von Anna Viebrocks Bühnenbild in dem neuen Händelprojekt Christoph Marthalers. „Sale“ ist es betitelt, und passend zu diesem englischen Ramschwort hat die Zauberin erlesener Hässlichkeit einen Ort der minderbemittelten Kauflust geschaffen, mehr Woolworth als Kaufhof, eine Szenerie, in der sich die Hausangestellte oder der Chauffeur von Zürichs Arrivierten wohl besser auskennen als diese selbst. Man durfte zwei Stunden indigniert sein. Gleichwohl erheischt der Nimbus des in der Bankenstadt einst Vielgescholtenen, dass seine überall kultmäßig verehrte Theaterkunst auch hier jetzt auf liberaleres Verständnis trifft. Trotzdem war beim Losbranden der Schlussbuhs für Marthaler noch einiges vom alten Hass zu spüren.

Mitleid und Melancholie

Marthalers poetische Originalität (und Erfolg) resultiert aus der Umwertung scheinbar selbstverständlicher theaterästhetischer Prämissen. Er verpönt, was smart daherkommt. Er wendet sich liebevoll dem Ärmlichen, Ältlichen, Skurrilen zu. Dem Glatten, Seichten und Flotten wird das Langsame, Mühsame, Störanfällige entgegengesetzt. Damit wird der Schönheitsbegriff neu justiert. Die sonst als schwach, verletzlich Erscheinenden werden zu Stars. Mitleidsgefühle für sie changieren hin zu Bewunderung.

Natürlich wendet sich auch eine Kaufhausstory heutzutage Verlierern zu. Für dieses Händel-Pasticcio ersann Marthaler eine abenteuerlich-absurde Familiensippe, die das Hinscheiden ihres Familienunternehmens zelebriert, einschließlich eines surrealen Beerdigungsritus mit feuchtfröhlich gefeiertem Konkurs-Kehraus. Hinter der verzweigten Besitzerfamilie verbirgt sich die Elferschaft der zur Darsteller-Family zusammengeschweißten Solisten, Sänger und Schauspieler. Es spricht für Marthalers Methode, dass es zwischen Bühnenkünstlern unterschiedlicher Herkunft schnell zu „Familienähnlichkeiten“ kommt. „Sale“, eine Ensembleleistung.

Die eigentlich sehr aktuelle Mär vom Untergang einer Kaufhausdynastie wird nicht geradlinig erzählt, eher mäandernd und stolpernd. So, wie auf Viebrocks Szene zwischen Wühltischen, Warenregalen, Rolltreppen und nackten Schaufensterpuppen die Akteure dahintappen, mal hier ein Preisschild umdrehen, dort einen Fernseher auseinandernehmen, eine Plastikfrau begrapschen, Ohrfeigen verteilen oder in seltsamen kollektiven Irrgängen hin und wider laufen. Psychologisch motiviert ist nichts; aus schierer Plötzlichkeit können sich freilich bedeutende Ereignisse ergeben: die schöne Wut, mit der Countertenor Christophe Dumaux Gegenstände aus dem Warenangebot in Gesichter und Gegend schleudert (und dabei die gestochene Exaktheit seiner ariosen Koloraturen nicht um einen Millimeter verfehlt) oder die kleinen Unfälle, die missglückten Ansprachen an der Rampe, die wie eine lächerlich-beängstigende Seuche ausbrechenden gemeinschaftlichen Gesichts- und Körperzuckungen, die zwanghaften Be- und Entkleidungssequenzen, in denen mit der Tücke des Objekts gekämpft wird. Ein Ereignis auch, wenn Anne Sophie von Otter statuenhaft wie Königin Elizabeth II. hereinschwebt, noch bevor sie, in wunderbar abgetönter, raffinierter Schlichtheit, ihre Arie „Verdi prati, selve amene“ singt.

Mehrfach stürmen Statistenscharen und bemächtigen sich in karikaturistischer Gier des kostengünstigen Plunders. Beim lieto fine flankieren sie die Tafelrunde als pseudobarocke Dienerstaffage. Witzig wird es oft genug (manches Margaret-Thatcher-Handtäschchen verirrt sich in Viebrocks nuanciert altmodische Kostümkollektion), doch bleibt in Marthalers kalkuliertem Erzählduktus genügend Raum für Besinnung, wachsen sich überdeutlich Merkmale von Melancholie aus.

Die Musik kommt nicht zu kurz

Eine „Oper“ aus zusammengestückelten und neu kontextualisierten älteren Musikbestandteilen: Das war zur Händelzeit nichts Besonderes oder Anstößiges; von den 40 Opern Händels kann man neun als solche „Pasticcios“ bezeichnen. Die musikalische Substanz von „Sale“ setzt sich aus (italienischen) Opern und (englischen) Oratorien Händels zusammen. Verwendet wurden ganze Arien oder Orchesterpiècen, aber auch Fragmente (umwerfend etwa das vom Dirigenten selbst angestimmte und profitenoral ins Auditorium geschmetterte „Comfort ye“ aus dem „Messiah“) und Bearbeitungen wie das in quälend-erheiternden Anläufen „chorische“ „Lascia ch’io“ (am bekanntesten aus „Rinaldo“). Es waren neben der feinfühligen Sopranistin Malin Hartelius auch die beteiligten Schauspieler, die die Chornummern intonierten; der Sprachvirtuose Graham F. Valentine brillierte vor allem auch autark als Shakespeare- oder Poe-Rezitator mit fremdkörperhaften „Fundstücken“, wie es zahlreiche pantomimische running gags waren (etwa der nach einschlägigem Instrumentaleinsatz stets unterlassene Rezitativanfang).

Viel Gesprochenes, viel pantomimisches Gewese. Wer annimmt, Musik sei dabei zu kurz gekommen, irrt. Lawrence Cummings ist kein Maestro, der sein Licht unter den Scheffel stellt. Und das Expertenteam des Orchestra La Scintilla, so oft es auch pausieren musste, konnte sich in den Finalphasen zu orgiastischem Format (Blechbläser!) steigern. Ein überaus anregender Abend.

Oper Zürich, 7., 9., 11., 14. November www.opernhaus.ch

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