Ausgerechnet ein Bauer ist es, der die Frage stellt: Woher der junge Parzival wohl "seine Blödheit hat". Da er die Mutter kenne und deren Klugheit, sinniert der Mann bauernschlau, müsse die Dummheit wohl vom unbekannten Rittersvater Parzivals kommen. Richtig helle sieht Mutter Herzeloyde aber auch nicht aus, so wie sie da vom Regisseur und Hannoveraner Schauspielchef Lars-Ole Walburg auf die Vorderbühne seines großen Hauses geschickt wird: Mit stumpfem Blick über seinem Dreitagebart schlurft Andreas Schlager nach vorn, hockt sich breitbeinig hin in seinem güldenen Gewand und packt das Strickzeug aus. Eine Madonna der Bräsigkeit.
Bleibt also eigentlich nur ein Schluss: Der Mensch ist von Natur aus dumm. Und - das sehen wir bald bei Parzival, den seine Mutter fern der so genannten Zivilisation im Wald großzieht, damit er nie als Ritter fortziehen möge - der Mensch ist in seinem Urzustand nicht nur dumm, sondern auch gewalttätig, gewissenlos und ohne Mitleid. Und nackt ist er natürlich auch.
Deshalb geht die Schauspielerin Sandra Hüller zunächst auch völlig unbekleidet auf Hirschjagd, und freut sich wie ein grausames Kind über den Erfolg, wenn ihr Spieß den Tieren "überm Herzen steckt": "Dann straucheln sie und das Auge verdreht sich so ins Weiße und dann atmen sie noch schwer mit der Zunge so im Mundwinkel. Sieht lustig aus, wenn sie das machen."
Die Worte, die Hüller da ganz naiv und ungerührt spricht, stammen vom Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss, 38, der für das Schauspiel Hannover eine sehr schlanke, geschmeidige Fassung des "Parzival " geschrieben hat. So geht Parzivals Reise, bei der er ziemlich vergeblich versucht, die oft unmenschlichen Regeln des menschlichen Zusammenlebens zu erlernen und zu durchschauen, in zwei pausenlosen Stunden über die Bühne.
Dass Parzival dabei von einer Frau gespielt wird, ist ein schöner Verfremdungseffekt - so wie Regisseur Walburg auch sonst auf die Ausstellung seiner Theatermittel setzt, um die Unglaublichkeit dieser Geschichte in den Griff zu kriegen. Da wechseln die Schauspieler auf offener Bühne die Kleider (und also die Rollen), hantieren sichtbar mit einer Flasche Kunstblut, und die Schlachten werden vor allem akustisch auf einem elektronischen Schlagzeug geschlagen, das der Musiker Tomek Kolczynski vorne rechts auf der Bühne bedient, nur halb versenkt in einem Loch.
Aber es gibt noch einen Grund, warum Parzival bei Walburg eine Frau ist: Sandra Hüller ist einfach eine Idealbesetzung für diese Rolle. Schon einmal hat sie so eine Andersartige gespielt, die von ihren Eltern vor der Gesellschaft geschützt werden soll und gerade deshalb mit ihrer Unkenntnis jeglicher Normen zur Bedrohung für die Gesellschaft wird, weil sie deren Verlogenheit entlarvt: In der Uraufführung von "Die sexuelle Neurosen unserer Eltern" 2003 in Basel. Der Autor dieses Stücks hieß Lukas Bärfuss; Walburg war damals in Basel Chefdramaturg.
Nun also Parzival. Sandra Hüller spielt den Knaben zunächst mit trotziger, unschuldiger Gleichmut. Erst als ihm Gurnemanz ein Gewissen einredet, ficht Parzival Kämpfe mit seiner inneren Stimme aus, und Sandra Hüller führt sie vor als grandioses Rededuell mit sich selbst, schreiend, vornüberkippend, ein Mensch aus dem Gleichgewicht. Gegen diese Performance kommen ihre Mitspieler nicht an, schon weil sie nur wechselnde Randfiguren auf Parzivals Weg sind. Die Kleidung, die sie von ihrer Nacktheit befreit, macht sie zu ziemlich albernen Gestalten: Gurnemanz trägt eine Art silbernes Nachthemd, und der Artus von Aljoscha Stadelmann erinnert mit seiner Kopfbedeckung an Obelix in Ägypten (Kostüme: Kathrin Krumbein).
Das alles ist sehr kurzweilig, und der große, schiefe Holzkasten mit dem schrägen Boden (von Reinhild Blaschke) macht problemlos jeden Ortswechsel möglich. Am Ende trifft Parzival auf Trevrizent, der ihm vor allem eins mitgibt: "Es gibt keine Regel" - und also keine Gerechtigkeit und keinen Sinn auf der Welt. So zieht sich Parzival, mehr desorientiert als geläutert, wieder seine alte Narrenkappe auf - und erhält prompt die zweite Chance, Anfortas doch noch zu erlösen mit seiner Frage: "Was fehlt dir?" Lachend und merkwürdig unbeteiligt, als sei alles nur ein Spiel, stellt Sandra Hüller diese Frage. Das lässt nichts Gutes ahnen für die Errettung der Welt.
Staatstheater Hannover, Schauspielhaus: 26., 30. Januar. www.staatstheater-hannover.de/schauspiel