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Peter Ruzickas "Celan" in Bremen: Hier lebten Menschen und Bücher

Peter Ruzicka dirigiert in Bremen sein Musiktheater "Celan", Vera Nemirova inszeniert: Keine Oper des Belcanto, wohl aber bietet Ruzicka eine überausreiche instrumentale Palette auf. Von Harmut Lück

Peter Ruzicka dirigierte sein Musiktheater Celan in Bremen selbst (Archivbild).
Peter Ruzicka dirigierte sein Musiktheater "Celan" in Bremen selbst (Archivbild).
Foto: dpa

Eine verstörende Begegnung mit dem Dichter Paul Celan kurz vor dessen Selbstmord und eine jahrzehntelange, obsessive Beschäftigung mit dessen Lyrik versetzten den Komponisten Peter Ruzicka in die Lage, das Leben des Dichters für die Musikbühne zu bearbeiten oder besser: zu erkämpfen. Die Uraufführung fand 32 Jahre nach der Begegnung (1969) im Jahre 2001 in Dresden statt; der überzeugenden Darstellung folgten weitere Inszenierungen. Die vierte fand nun am Bremer Theater statt, inszeniert von Vera Nemirova, dirigiert vom Komponisten.

Ruzicka, der als junger Komponist Texte von Paul Celan vertont hatte, ist davon völlig abgekommen; in der Oper kommt kein einziges Celan-Wort vor. Die sieben pausenlos aufeinander folgenden Szenen - oder "Entwürfe", wie Ruzicka sie nennt - stellen signifikante Situationen aus dem Leben Celans vor. Der Handlungsraum bleibt in der Inszenierung von Vera Nemirova im Wesentlichen gleich: eine Fläche mit immer wieder neu gruppierten Tischen und Stühlen, eine Mischung aus Wartesaal, Restaurant und Klassenzimmer, dazu von Bühnenbildner Stefan Heyne ein riesiger, aus dem Schnürboden herabhängender Kubus, dessen Seiten aus vollgestellten Bücherregalen bestehen - "hier lebten Menschen und Bücher", wie Celan seine Heimatstadt Czernowitz beschrieb.

Es ist keine Oper des Belcanto, der Schöngesang würde wohl das Thema des jüdischen Autors, der durch Glück den Holocaust überlebte und an dieser "Schuld" zeitlebens litt, verharmlosen. Wohl aber bietet Ruzicka eine überaus reiche instrumentale Palette für sein Werk auf, verstörend explodierende Klänge neben elegischen, unendlichen Melodien aus dem Geiste Gustav Mahlers.

Deswegen seien von den Interpreten auch in erster Linie die Bremer Philharmoniker genannt: ungemein farbenreich und ausdrucksstark. Während der vielen rein instrumentalen Partien ließ Regisseurin Nemirova erfreulich dezente Aktionen zu, etwa wie die Eltern Celans vor ihrem Abtransport ins Vernichtungslager ihrem Sohn den Kopf streicheln. Aus der großen Schar der Darsteller verdienen die insgesamt drei Celan-Interpreten (Thomas E. Bauer, Yaron Windmüller, Frederik Dybvik-Nielsen) Hervorhebung, die aus der öffentlichkeitsscheuen Persönlichkeit Celans doch eine bühnengeeignete Figur entwickelten. Nadine Lehner als Ehefrau Christine (wie Gisèle Celan-Lestrange hier heißt), Sara Hershkowitz als Hilde (gemeint ist Ingeborg Bachmann) und Eun-Kyung Um als Rachel (eine Verehrerin) verstanden es sehr einfühlsam, die spannungsreichen und höchst problematischen Liebesbeziehungen Celans vorzuführen.

Der zentrale vierte "Entwurf", eine Chorszene auf Vokalisen, die in das Wort "Jerusalem" münden, wurde zum musikalischen wie szenischen Höhepunkt, weil die quasi namenlosen Sänger (vorzügliche Choreinstudierung: Tarmo Vaask) das Sehnsuchtsziel der Gefangenen artikulierten, bevor sie zu Boden sanken - Symbol der Vernichtung. Eine unmittelbar folgende Szene mit einer "Schauspielertruppe" wirkte doch recht banal; bezeichnend jedoch dann die Idee der Regisseurin, einen Film über eine Befragung auf der Straße einzublenden, was man sich unter "Holocaust" vorstelle. Die trivialen bis blöden Antworten enthüllten einen erschreckenden politischen Analphabetismus.

Man hätte sich die sieben "Entwürfe" vielleicht szenisch deutlicher voneinander abgehoben vorstellen können; ihre relative Vereinheitlichung durch die Regie verengt allerdings auch das heikle Thema zur erhellenden Kenntlichkeit. Anerkennender Beifall für ein hochmotiviertes Ensemble in einem nicht ganz ausverkauften Haus.

Theater am Goetheplatz, Bremen: 21., 24., 27., 29., 31. Mai, 2., 5. Juni. www.bremertheater.com

Autor:  HARTMUT LÜCK
Datum:  11 | 5 | 2009
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