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Theater

31. Januar 2016

Philippe Quesne in München: My Rifle, my Pony, my Stage

 Von K. Erik Franzen
Arrangierte Felsen aus Styropor, darin spielen die Darsteller do-it-yourself.  Foto: Martin Argyroglo

Suchende über dem Bühnennebelmeer: Philippe Quesne arrangiert „Caspar Western Friedrich“ an den Münchner Kammerspielen.

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Nein, es sind nicht die „Hateful Five“, die da sich da vor dem Eisernen Vorhang eingefunden haben, auf dem wie in einem Film die Credits ablaufen. Vier Schauspieler und eine Schauspielerin sitzen in aller Ruhe im Schatten des Kunstfeuers, in das sie Stöckchen werfen. Sie warten. Verkleidet als Cowboys und Cowgirl, bleiben sie doch sie selbst: der Peter (Brombacher), der Johan (Leysen), der Stefan (Merki), die Julia (Riedler) und der Franz (Rogowski).

Der Franz singt ein Lied, das dieses Vorspiel auf dem Theater in Fahrt bringt. Er erzählt von zwei Leitern, die in den nächsten 100 Minuten eine wichtige Rolle spielen sollen – wie auch die Bilder von Caspar David Friedrich. Eine Installation soll erschaffen werden und er, Franz, werde eine persönliche Anekdote erzählen. Franz hat Geburtstag und die anderen schenken ihm einen Hoodie mit dem vielleicht berühmtesten Bild des deutschen Romantikers, dem „Wanderer über dem Nebelmeer“.

Die niedlich-nerdige Wir-Gruppe

Dann öffnet sich der Vorhang und die niedlich-nerdige Wir-Gruppe bricht auf in das „Vivarium“, das der Theater-Bildhauer Philippe Quesne in den Münchner Kammerspielen aufgestellt hat. Quesne, zusammen mit Nathalie Vimeux Leiter des Théâtre des Amandiers in Nanterre bei Paris, konzentriert sich in seinen theatralen Installationen auf die Macht des Visuellen. Dramatische Ent- und Verwicklungen interessieren ihn weniger. Und tatsächlich wird der Zuschauer an diesem Abend zum Betrachter eines lebendigen Dioramas. Die Schauspieler in dem Theaterbehälter, einem riesigen Atelier, arrangieren Felsen aus Styropor, bekleistern Wände, jonglieren mit Tapezierrollen. Nebelmeer, ick hör Dir trapsen: Sie wollen als Do-It-Yourself-Combo ein „Caspar Western Friedrich Museum“ errichten, mit Bookshop und Audio-Guide – und werden am Ende nicht fertig damit.

Die lonesome Westerners inszenieren sich als Suchende, die bei Caspar David Friedrich das finden, was ihnen fehlt: ein bisschen Halt in diesem elenden Anthropozän. Immer wieder übertragen die lebendig gewordenen Rückenfiguren Friedrichs Naturkonstruktionen, die ja durchaus als Bühnenbilder gelesen werden können, ins Stadttheater.

Die poetisch rauschende Sprinkleranlage und die Kunstnebelmaschinen laufen auf Anschlag. Das muss dann doch gebrochen werden. Also drapiert der Franz in einer akrobatischen Body-Surf-Performance auf dem nassen Bühnenboden die Vordergrundpflänzchen neu, wobei seine Unterhose zum String-Tanga wird.

Ein offenes Deutungsangebot

Ähnlich wie der Frühromantiker Friedrich macht Quesne dem Betrachter ein offenes Deutungsangebot. Transzendentale Kraft, metaphysische Stimmungen, die Erhabenheit und Herausforderung der unendlichen Weiten: Das sind die Schnittpunkte des Friedrich- mit dem Cowboy-Kosmos. Und wenn der Wanderer über dem Nebelmeer zum Marlboro-Mann wird, muss gar nicht viel passieren – und es passiert auch nicht viel.

Zelebrierte Entschleunigung und neo-absurde Statik können langweilen und aufregen; Meditatives, heiter Melancholisches und Musik können beruhigen und erfreuen: Kaurismäki-Freunde kommen hier sicher eher auf ihre Kosten als Tarantino-Fans.

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Und dann läuft doch alles auf eine Art Höhepunkt zu. An zwei hohen Leitern befestigen Stefan und Franz einen Vorhang mit dem Nebelmeer-Motiv, Kunststofffelsen werden unter die Hohlkehle geschoben. Peter steigt in dieses Bild und erzählt berührend über eine Wanderung im Riesengebirge, archaische Nächte in einer Pension und sein Erlebnis als Zuschauer des Stücks „Die tote Klasse“ von Tadeusz Kantor in Krakau. Dient das „Theater des Todes“ als Trigger zum Verständnis dieses Abends?

Das erodierte Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu vermessen in einer Welt, in der die Natur langsam, aber sicher musealisiert werden muss, ist ein Anliegen Quesnes. Das andere ist die Kartierung der Bühnenlandschaft, in der alle Beteiligten ein untrennbares Ganzes bilden. Also steigen die Darsteller mit in das selbst angefertigte Bild, sie positionieren sich frontal zum Publikum, einer holt sein Handy aus der Tasche. Fertig ist das Theaterselfie – Suchende über dem Bühnennebelmeer.

Münchner Kammerspiele: 5., 7., 27. Februar. www.muenchner-kammerspiele.de

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