Aufnahmen der jungen Pina Bausch kann man derzeit im Wuppertaler Opernhaus sehen. Die muntere Fragilität, die aus ihnen spricht, hat sich bei der nun 68-Jährigen in Ausgezehrtheit verwandelt. Aber zuverlässig wie ein Uhrwerk liefert die Choreografin Jahr für Jahr ein neues Stück ab.
Und zuverlässig kann man Jahr für Jahr davon ausgehen: Das Stück wird noch keinen Titel haben. Es wird gut eine Stunde vor und gut eine Stunde nach der Pause dauern. Es wird Wasser verwendet werden, mal mehr, mal weniger. Die Frauen werden - meist farbenfrohe - Abendkleider und Stöckelschuhe tragen, die Männer dunkle Anzüge. Jeder Tänzer, jede Tänzerin wird irgendwann sein Solo bekommen. Zuschauerreihe eins wird irgendwann nett einbezogen (diesmal wird ein Espresso gereicht, eine Brille geputzt). Eine kleine, rasante Szenenreprise wird das Stück beenden. Und es wird in fast allen Miniszenen um die Geschlechterbeziehung gehen.
Haargenau so war es nun ein weiteres Mal. Die Kostüme kamen von Marion Cito, Bühnenbild und Video (fließendes Wasser!) von Peter Pabst, die Musik war ein Mix mit Chile-Schwerpunkt (dort hielt sich das Ensemble diesmal vorher auf). Was bei der diesjährigen Uraufführung des "neuen Stücks" anders war: Es gab einen einsamen, aber hartnäckigen Buhrufer. Den Rufer in der Wüste des allzu Berechenbaren, könnte man ihn nennen. Dass es - erstmals bei einer Premiere der letzten Jahre - diese Buhs gab zwischen dem dankbaren Applaus, mit dem die Wuppertaler ihren Weltstar stets feiern, lag mit ziemlicher Sicherheit daran: Das neue Stück ist schwach.
Immer wieder hat Pina Bausch im Rahmen des beschriebenen Schemas - von dem sie offenbar nicht mehr bereit ist abzuweichen, oder sie hat nicht mehr die Kraft dazu - doch Großes, Hinreißendes, Bestürzendes geschaffen. Dieses Jahr aber plätschern die Szenen (mehr als 50 hat dpa gezählt) und sind von teilweise erschreckender Harmlosigkeit.
Der Geschlechterkampf, dessen Realität Pina Bausch als eine der ersten in radikale, herbe Bilder fasste, sieht bei ihr mittlerweile (aber hoffentlich vorübergehend) so aus: Eine Tänzerin gürtet sich mit der Trophäe Männerhemd, eine andere übersetzt die Schwärmereien ihres Verehrers mit "blabla blablaba", eine dritte lockt mit einem Haufen Heu in ihrem Schoß, eine vierte räkelt sich auf zwei Männerrücken, während die beiden Tänzer Liegestütze machen müssen. Die Frau, das Biest. Der Mann, der verliebte Dödel. Es ist, als wollte die Wuppertaler Tanzchefin eine Meldung illustrieren, die just am Samstagmorgen in der Zeitung stand: Dass Männer tatsächlich ihr Gehirn abschalten, wenn sie eine schöne Frau sehen.
Denn schön sind die Tänzerinnen der Pina Bausch, anmutig, strahlend, charmant. Und sehr gut sind auch die Tänzer, expressiv, kraftvoll. Abgesehen von Dominique Mercy ist es ein recht junges Ensemble, er muss die Würze des Kantigen hinzufügen.
Auch das Bühnenbild von Peter Pabst (ein beweglicher Boden im schwarzen Guckkasten, mehr nicht), ist für ein paar Ecken zuständig. Aber selbst die sind irgendwie dann doch eher rund: Der helle Tanzboden rutscht ab und zu ganz langsam auseinander, zackige Spalten ins Dunkle tun sich auf. Ein paarmal entstehen die Risse und schließen sich sacht wieder. Wenn das ein Erdbeben sein soll, so passt es durchaus zum Rest des Stückes.
Das Große Chile-Erdbeben von 1960 jedenfalls zeigt Pina Bausch nicht gerade. Einmal lässt sie ein wenig mit Kartoffeln werfen, aber vorsichtig, einmal halten die Tänzer offene Weinflaschen schräg über ihre Köpfe, aber kein Tropfen wird vergossen. Die noch titellose Szenenfolge ist nicht besonders chilespezifisch, das muss sie auch nicht. Aber es wäre doch schön, wenn sie nicht so nett wäre, so voll kokettierender Gefälligkeit, so hübsch und anstrengungslos anzusehen. Sie hätte nicht nur Dominique Mercys melancholisches Solo und einige dezent aufgewühlte anderer Ensemblemitglieder.
Viel mehr Bildideen wie diese bräuchte das neue Stück der Pina Bausch: Drei Darsteller legen mit ihren Körpern eine sich ständig von hinten wieder nach vorn verlängernde Linie, dabei bedecken sie sich mit einem Mantel, ziehen ihn langsam bis übers Gesicht, dann greift ihn der nächste und zieht ihn weiter. Da ist in einem schlicht gefassten Moment Chiles Trauma präsent - die Diktatur, die Tausenden von Gefolterten und Getöteten, von denen Victor Jara, der an diesem Abend auch zu hören ist, einer war.
Vor etlichen Jahren buhten die Wuppertaler und verließen die Aufführungen, weil ihnen die Radikalität der zarten Pina Bausch fremd und unheimlich war. Die Gefahr besteht nicht mehr.
Opernhaus Wuppertal: 16., 17., 19., 20., 21. Juni. www.pina-bausch.de