Aktuell: Pegida | Flucht und Zuwanderung | Fußball-News | Eintracht Frankfurt

Theater

15. Januar 2013

Prokofjew, Oper Frankfurt: Verätzungen in Roulettenburg

 Von Hans-Klaus Jungheinrich
Im Geldregen knieend: Frank van Aken als „Spieler“. Foto: Monika Rittershaus

Großes, komplexes Musiktheater: Prokofjews „Spieler“ an der Oper Frankfurt

Drucken per Mail

Ein beinahe unbekanntes Werk, eine phänomenale Aufführung: Frankfurts Oper hatte mit dem „Spieler“ von Sergej Prokofjew einen großen Tag. Harry Kupfers Inszenierung, musikalisch geleitet von Sebastian Weigle, fand in deutscher Sprache (mit Übertiteln) statt – eine gerade bei diesem weit herumgekommenen Komponisten vernünftige Entscheidung, weil die Originalsprache – Russisch, Französisch, gar Englisch? – hier mitunter schwer zu bestimmen ist. „Der Spieler“ wurde 1929 in Brüssel uraufgeführt – auf Französisch.

Das war der zweite Anlauf dieses Dostojewskij-Sujets, das Prokofjew selbst textierte und vergeblich 1917 im St. Petersburger Marientheater unterbringen wollte. Die Zweitfassung scheint deutlich vom Geist der zwanziger Jahre durchtränkt: Sachlichkeit, Schnoddrigkeit, Dissonanzfreude, Hang zu Groteske und Slapstick analog zum Stummfilm; Antiromantik auf jeden Fall – Eigenschaften, die allesamt allerdings sowieso für den frühen Personalstil Prokofjews typisch sind.

Vielsträhnige Komplexität

Die Klangsphäre, die gelegentlich auf die insgesamt grellere von Schostakowitschs „Nase“ vorausweist, ist freilich einzigartig in ihrer Mischung aus operettenhafter Leichtigkeit und vielsträhniger Komplexität, kaleidoskopartiger Phantastik und kalter Motorik. Die nervös flackernde Tonsprache berührt in blitzhaftem Wechsel Zonen der oberflächlichen Gesellschaftsmusik und des surreal Unheimlichen. Herzstück der Partitur ist die immense Glücksspiel-Szene im vorletzten Bild, als quasi-chorisches, minuziös ausdifferenziertes Rondo einer großen Personengruppe – eine kompositorische Organisationsleistung sondergleichen.

Dostojewskijs (leicht autobiografisch angetönte) Story erzählt die Genese eines Spielers bis zum katastrophischen Ende des Süchtigen. Die Oper komprimiert dieses Ende, indem sie den Protagonisten Alexej auf dem Höhepunkt seines die Bank sprengenden Spielerfolgs wahnsinnig zusammenbrechen lässt. Kupfer und sein Bühnenbildner Hans Schavernoch illustrieren das schrill mit einem auf den beherrschenden Hintergrundfries – darunter eine Glaswand mit Türen, vorne ein Sesselkarussell und eine riesige rotierende Scheibe als Roulette-Symbol – projizierten Meteoreinschlag, der die Weltkugel zur Explosion bringt. „Ende einer Welt“ als kosmische Überhöhung einer fatalen Privatobsession – da changiert das Tragische natürlich in Sarkasmus. Verunsicherung immer wieder: Man wird hin- und hergerissen, ob man lachen oder sich gruseln soll. Das ist durchaus dostojewskisch.

Doch hier auch stets in der Prokofjew’schen Sicht des 20. Jahrhunderts. Des Dichters quälend subtiles Psychologisieren wird in Prokofjews Dialogen so gezerrt und gezwirbelt, dass oft absurde, bizarre Konstellationen entstehen. Schon bei den scheinhaften, lauernden Gesprächen in den ersten Bildern unter Welt- oder Halbweltmenschen in einem fiktiven „Roulettenburg“ (etwa Wiesbaden oder Bad Homburg). Da geht es auch um eine Erbschaft – altbewährter Komödientreibstoff.

Ins Aberwitzige reicht der entseelte Beziehungs-Nonsens aber in der Zweierszene Alexej – Polina, der sich keines der gewohnten Opernetiketten aufkleben lässt. Weder Liebes- noch Abschiedsduett, ist diese Stimmen-Begegnung beides zugleich und noch etwas krass anderes: Ein vielfach jäh zwischen Anziehung und Abstoßung wechselndes Ätzbad widerstreitender Extremgefühle.

Das glitzernd Unverfügbare

Solcher Wirrwarr hat wohl noch vor kurzem manche Opernvermittler ratlos gemacht und um eine geklärte Rezeption fürchten lassen. Nicht so Harry Kupfer, der die Sperrigkeit des (Nicht-)Liebespaares von Anfang an unmissverständlich exponierte, insbesondere das glitzernd Unverfügbare der in ihren geheimen Lüsten sogar vom Geld nicht korrumpierbaren Polina (faszinierend uneindeutig, aber stimmlich klar definiert: Barbara Zechmeister).

Die Inszenierung unterstreicht, dass Alexej nicht erst infolge ihres Affronts untergeht, sondern schon vorher im autistischen Spiel-Rausch abtaucht. Ein Bettelkönig im selbstverursachten Regen der über ihn rieselnden Geldscheine. Die Riesenpartie, eine der vehementesten und anstrengendsten Tenorrollen der Opernliteratur, wurde von Frank van Aken mit bewundernswerter Inständigkeit und Unermüdlichkeit bewältigt.

Plausiblerweise ganz im Komödiantischen hielt Kupfer die sinistren Gesellschaftstypen, etwa den bankrotten General (baritonal exakt konturiert: Clive Bayley), der sich bei seinen Kalamitäten sozusagen in wurmhafter Würde krümmt und verrenkt in Vorspiegelung seiner windigen Adels-Reputation. Vergeblich wähnt er deren Verbesserung durch den Tod seiner hochvermögenden „Babuschka“. Diese fährt aber lebendig und frech im Rollstuhl auf die Bühne und bringt binnen kurzem den Großteil ihres Besitzes am Spieltisch durch: Anja Silja, die große Sänger-Darstellerin, feierte mit diesem Auftritt ihr soundsovieltes und gewiss nicht ihr letztes Comeback, mit unvermindert autoritativer vokaler Attacke. Kein Wunder, dass sie vom Frankfurter Publikum, das ihr in fast 60 Jahren viele unvergessliche Eindrücke verdankt, aufs lebhafteste bejubelt wurde.

Ebenso Sebastian Weigle, der mit dem bestens präparierten Opern- und Museumsorchester eine der schwierigsten Opernpartituren mit Verve und unerschütterlicher Präzision zu Gehör brachte. Prokofjews „Spieler“: eine Entdeckung.

Oper Frankfurt: 18., 20. Januar, 15., 17., 22., 24. Februar. www.oper-frankfurt.de

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Times mager

Pegida

Von  |
Pegida-Demonstranten in Dresden wedeln mit Deutschlandfahnen.

Das Ressentiment hat den virtuellen Raum verlassen und den öffentlichen betreten. Unartikuliert grollend zieht es durch die Straßen. Mehr...

Weihnachtsgeschenke

Unterm Weihnachtsbaum

Auch dies kann man mit einem Weihnachtsbaum machen: Hamburger Brauch des Baumwurfs, bei dem Schiffsbesatzungen im Hafen beschenkt werden.

Nun aber hurtig: Die FR-Redaktion gibt 24 konstruktive Empfehlungen für Bücher, für Musik und auch für ein paar Filme, die an Heiligabend getrost an die Lieben verschenkt werden können. Mehr...

Schauspiel

Berlin hat Berlin zu bieten

Hellwach beim Interview trotz wenig Schlaf in jüngster Zeit: Oliver Reese in seinem Frankfurter Büro.

Frankfurts Schauspiel-Intendant Oliver Reese über seinen Wechsel in die Bundeshauptstadt, seine Pläne für zeitgenössische Stücke und seine Liebe zur Tradition. Mehr...

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Fotostrecken
Bambi 2014: Die Hin- und Weggucker

Ist sie frisch aus dem Dschungel entkommen? Nein, das soll wohl so. Das österreichische Model Larissa Marolt präsentiert - Mode. Mehr in unserer Fotostrecke: Die Hin- und Weggucker der Bambi-Verleihung.

Außerdem:
Fotostrecke: Die Bambi-Preisträger in Bildern
Fotostrecke: Prominente auf dem roten Teppich
Fotostrecke: Diese Preisträger standen schon fest

TV-Kritik
Anzeige

Videonachrichten Kultur
Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!