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Theater

25. September 2012

Reenactment: Geschichte findet statt

 Von Dirk Pilz
Anders Behring Breivik liest seine Rede im Gerichtssaal ab.  Foto: dapd

Und kehrt wieder: Reenactments im Theater versuchen Geschichte so zu wiederholen, dass sie „durchsichtig“ wird und entwickeln dabei eine seltsame Kraft.

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Nichts wiederholt sich, aber alles kommt wieder. Verändert, verwandelt zwar, aber wiedererkennbar. Im Oktober 1920 zum Beispiel, zum Jahrestag der russischen Oktoberrevolution, kommt es auf dem Platz vor dem Winterpalais zu einer großen Theaterinszenierung, an der 500 Musiker und 8000 Darsteller mitwirkten. Vor gut 100.000 Zuschauern wurde nachgespielt, was an diesem Ort drei Jahre zuvor geschehen war: jene Erstürmung des Winterpalais, die den Anfang der Oktoberrevolution bildete. Auf der Newa ankerte, wie bei der realen Revolution, jener Kreuzer „Aurora“, der den Startschuss für die Palasterstürmung gegeben hatte. Die Aufführung begann um 22 Uhr. Der Palast lag im Dunkeln, die Schiffsscheinwerfer beleuchteten ihn von hinten, lauter Kanonendonner war zu hören. Die Inszenierung mündete in „Lenin, Lenin!“-Rufe. Mit einem Feuerwerk ging sie zu Ende. Neben Artisten und Balletttänzern waren unter den Darstellern auch Soldaten, die an der Oktoberrevolution teilgenommen hatten. Der Authentizitätsgehalt der Aufführung war hoch, eine bloße Kopie aber stellt sie nicht dar. Der Palast lag nicht im Dunkeln, seine Erstürmung mündete in kein Feuerwerk. Diese Wiederholung eines historischen Ereignisses folgte vielmehr einem „mythischen Schema“, wie die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte in dem aufschlussreichen Aufsatzband „Theater als Zeitmaschine“ schreibt (transcript Verlag, Bielefeld 2012, 260 S., 27,80 Euro). Denn die Botschaft dieser Inszenierung vor 92 Jahren war eindeutig: Erst die Oktoberrevolution brachte Licht in die Geschichte und wurde zum Feuerwerk der Befreiung.

Reiz, sich in die Vergangenheit einzufühlen

Es gibt keine Kunst, die sich nicht ideologisch missbrauchen ließe. Es gibt auch keine Kunst, die ohne Absichten wäre, die wiederum unter Missbrauchsgefahr stehen. Das gilt gerade auch für jene Spielart der Kunst, die am wenigsten nach Kunst und Absichten aussieht: das Reenactment. Der Begriff meint zunächst jenes Nachspielen von historischen Ereignissen, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen, von Freilufttheater- bis Mittelalterspektakeln. Spätestens seit der Hundertjahrfeier des amerikanischen Bürgerkriegs ist solches Nachstellen von Geschichte ein Hobby mit großer Anhängerschaft. Der Reiz liegt offenbar nicht nur darin, Vergangenes wiederzubeleben, sondern sich in die Vergangenheit einzufühlen.

Solche Spektakel folgen dem Ruf nach Authentizität; dass er gerade in einer Zeit zunehmender Medialisierung und Technisierung gern gehört wird, verleiht Reenactments mitunter einen romantischen, wenn nicht restaurativen Zug – auch als scheinbar harmloses Hobby übernehmen Reenactments eine politische Funktion auf der Mentalitätskarte der Gegenwart. Denn sie wiederholen nicht einfach Geschehenes, sondern holen es wieder ins Gedächtnis, als wäre zwischen Damals und Heute nichts gewesen, als ließe sich Geschichte reibungsfrei wiederbeleben.

Hier kommt das Theater ins Spiel, der Versuch, Reenactments als künstlerische Strategien einzusetzen. Ihre Erscheinungsweisen reichen vom Dokumentar-Theater, wie es etwa die auf die Bühne geholten Alltagsexperten von Rimini Protokoll betreiben, bis zu den Simulationsspielen der Performancegruppe Signa, die den Zuschauer in hermetische Eigengeschichtswelten versetzen.

Geschichte "durchsichtig" machen

Reenactments im Theater sind immer Versuche, die Geschichte so zu wiederholen, dass sie „durchsichtig“ wird, wie es Milo Rau im Interview sagt. Dass sie ihre Selbstverständlichkeit verliert, dass sie sicht- und auch verstehbar wird. Rau schreibt in dem oben erwähnten Buch, die „seltsame Kraft der Wiederholung“ bestehe in einem kalten, „extremen Realismus“ – wie bei einer Ausgrabung erscheine der Mensch „gleichsam in seinem geschichtsphilosophischen Holozän“. Er erscheint so fremd und fern, lässt sich aber gerade damit schärfer sehen, hören, begreifen.

Die Rede von Breivik in einem Reenactment auf die Bühne zu bringen, erlaubt eben nicht nur, sie anders, sondern auch in einem anderen, die Genauigkeit schärfenden Kontext zu hören. Das haben alle Reenactments von den Ready Mades der Bildenden Künste geerbt: Der Rahmen bestimmt das Gerahmte. Alles, was wir verstehen, verstehen wir mit Vorannahmen. Jedes Erinnern, das Gedächtnis selbst ist immer mehr das Ergebnis der Gegenwart als der Vergangenheit. Insofern ist gerade die Erinnerung eine politische Ressource, die entsprechend miss- und gebraucht werden kann und wird. Das ist die künstlerische Kraft, die Reenactments ausmachen kann: Sie eröffnen als wieder in Erinnerung geholte Geschichte die Chance auf jenes „negative Erschrecken“, das Rau anspricht: das Erschrecken darüber, dass Geschichte nicht im Faktischen aufgeht.

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