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Theater

18. März 2016

Rimini Protokoll "Remote Frankfurt": Und wer sieht krank aus?

 Von 
Abtanzen (oder Antanzen?) am Brunnen auf der Frankfurter Zeil.  Foto: Birgit Hupfeld

Sterblichkeit und Fernkontrolle: Der Audiowalk „Remote Frankfurt“ von Rimini Protokoll führt fremdbestimmt durch die Stadt.

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Julia klingt ein bisschen seltsam, zart blechern, ist aber eigentlich ganz nett. Gern würde sie ein paar Dinge von uns lernen, Pietät, Solidarität, Rücksichtnahme zum Beispiel – schwierig, wenn man keinen Körper hat, nicht sterben kann, darum auch gar nicht nachvollziehen, was Menschen zueinander und zum Beispiel in ein Lokal namens „Heimat“ zieht. Julia spricht uns ins Ohr, führt uns, macht uns auf Dinge an unserem Weg aufmerksam. Erinnert uns aber auch ein wenig aufdringlich an unsere Sterblichkeit.

Zuerst: Grabstein aussuchen

Der „Audiowalk“ (Spaziergang mit Kopfhörern) namens „Remote Frankfurt“ ist ein im Auftrag des Schauspiels auf Frankfurter Verhältnisse umgearbeitetes Projekt der Theatergruppe Rimini Protokoll, in diesem Fall bestehend aus Stefan Kaegi (Skript, Regie) und Jörg Karrenbauer (Co-Regie). Die Riminis machen dokumentarisches Theater mit Experten des jeweiligen Themas – aber hier sind wir nun plötzlich Experten unseres eigenen Lebens und unser eigenen Stadt. Müssen, nein, sollen aber andererseits Julia folgen, der Körperlosen, Unsterblichen, die uns zuerst über den Bornheimer Friedhof leitet, uns bittet, einen Grabstein auszusuchen, darüber nachzudenken, an was der dort Begrabene gestorben sein könnte, ob er ungefähr in unserem Alter war, die uns dann direkt ins Katharinen-Krankenhaus führt. Und wieder geht es um die Möglichkeit, dass unsere „Herde“ (so Julia) aus 50, äh, Fernkontrolllierten bald nicht mehr vollständig sein könnte. Vor einem Spiegel im Krankenhaus sollen wir uns dicht zusammenstellen und fotografieren, als Erinnerung daran, dass wir so bestimmt nie wieder zusammenkommen werden. Und wer, fragt Julia, sieht bereits krank aus?

Und schon sind wir in der U-Bahn, sollen alle die Arme heben. Der Peinlichkeitsfaktor spielt auch eine Rolle in „Remote Frankfurt“: beim Abtanzen auf dem Zeilbrunnen, bei einer kleinen improvisiserten Demo. Und auch in der B-Ebene der Konstablerwache, wenn wir uns als Publikum aufstellen und die Passanten beobachten sollen („die Darsteller“, behauptet Julia), die vielfach irritiert, manche amüsiert gucken. Wir winken.

In der Liebfrauenkirche kollidiert „Remote Frankfurt“ am ersten Abend unerwartet mit der Luminale; es dauert, bis die Herde sich wieder aus der Menge in der Kirche gefädelt hat. Die Stimme im Ohr muss etwas zurückgesetzt werden – von einem Menschen, das ist dann doch ein Trost.

Denn durchaus ambivalent ist die körperlose Lenkung. Man will kein Spielverderber sein. Man fühlt sich fremdbestimmt. Gewiss muss man Julia, später ist es „Peter“ nicht folgen. Genauso gewiss aber lassen wir alle uns regelmäßig Anweisungen geben, etwa vom Navi. Und garantiert wird es in kommenden Jahren mehr werden, und sei es durch selbstfahrende Autos. Und dem kann man nicht einfach den Ton abdrehen.

Schauspiel Frankfurt: zahlreiche Termine bis 16. April, fast alle ausverkauft. www.schauspielfrankfurt.de

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