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Ruhrtrienale: Schloss im Spiegel

Nach dem Überraschungshit "Verrücktes Blut" inszeniert Nurkan Erpulat Kafkas "Das Schloss" auf der Ruhrtriennale. Doch die Dringlichkeit, die Erpulats Stücke auszeichnen, fehlt dieses Mal.

Kafkas Antiheld K (Moritz Grove).
Kafkas Antiheld K (Moritz Grove).
Foto: dpa

Die Schauspieler sitzen am Tisch vor einem Spiegel und quasseln. Ach, das Publikum ist schon da; einer soll anfangen, hat aber keine rechte Lust. Entspannt beginnt Nurkan Erpulats Inszenierung von Franz Kafkas Romanfragment „Das Schloss“. Die kleinere Turbinenhalle hinter der Bochumer Jahrhunderthalle ist fast leer. Manchmal schweben Plexiglaswände von der Decke, die je nach Beleuchtung durchsichtig sind oder als Spiegel wirken. Optisch wirkt der Abend karg und zurückhaltend, und auch die Schauspieler fangen erst einmal an, das Buch vorzulesen.

"Postmigrantisches Theater"

Nach dem auf allen bedeutenden Festivals herumgereichten Überraschungshit „Verrücktes Blut“ lasteten hohe Erwartungen auf dieser Premiere. Fast wirkt es so, als wollten Erpulat und der Dramaturg Jens Hillje erst einmal alle Spannung rausnehmen. Wie Fußballtrainer, die auf Stürmer verzichten und den Ball in den eigenen Reihen herumschieben lassen. Wer von Nurkan Erpulat als einem Exponenten des „postmigrantischen Theaters“ eine entsprechende Deutung des Romans erwartet hatte, wird ebenfalls enttäuscht. Wie Kafka lässt er alle Deutungsmöglichkeiten offen. Wer sehen will, dass dieser scheinbare Landvermesser K in einer geschlossenen Gesellschaft Asyl beantragt, die Herrschaft einer absurden Bürokratie und die Rückstufung zu einem Schuldiener in Kauf nimmt, findet manche Anknüpfungspunkte. Doch die Inszenierung lenkt den Blick keinesfalls in diese Richtung.

Sesede Terziyan, die grandiose Lehrerin aus „Verrücktes Blut“, spielt diesmal Frieda, eine junge Frau aus der Dorfgemeinschaft, die mit K eine Partnerschaft beginnt. Kafkas Antiheld wird nicht von einem türkischstämmigen Schauspieler verkörpert, sondern von Moritz Grove. Er zeigt einen kämpferischen, selbstbewussten jungen Mann, über dessen Herkunft nichts verraten wird. Der aber keine andere Hoffnung zu haben scheint, als sich in dieser seltsamen Welt eine Zukunft zu erarbeiten. „Das Schloss“ ist eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin. Das Ensemble spielt dicht zusammen; immer wieder gelingen konzentrierte Szenen, wenn die Schauspieler psychologisch präzise in die Rollen eintauchen. Thorsten Hierse glänzt etwa im dunklen Kleid als Olga, die von ihrem Abstieg aus scheinbar gesichertem Bürgertum in die Armut erzählt. Ganz leise und voller Würde spielt Hierse, ohne auch nur ansatzweise ein Frauenklischee zu bedienen.

Im Kern braves Handwerk

Erpulats körperbetonter Regiestil ist gelegentlich erkennbar. Ks Gehilfen (Tamer Arslan, Thorsten Hierse) sind hundeähnliche Wesen, die erst nach ihrer Kündigung wieder zu Menschen mutieren. Doch im Kern ist diese Inszenierung braves Handwerk. Erpulat und Hillje lassen ein paar Kapitel weg, folgen aber dem Handlungsverlauf, bis sich die Geschichte in einzelne Erzählungen auflöst. Am Ende steht K vor dem Publikum und liest die letzte Seite, bis die Aufführung – wie der Roman – mitten im Satz endet.

Das ist alles sehr ehrenwert, aber auch ein wenig mühsam. Zumal die Akustik der Halle nicht immer zu klarer Textverständlichkeit führt. Es fehlt die Dringlichkeit, die „Verrücktes Blut“ auszeichnete: das Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen und keine andere. Es bringt natürlich wenig, einen Regisseur mit seinem großen Wurf zu konfrontieren. So etwas lässt sich nicht beliebig wiederholen. Es ist Erpulat undHillje auch hoch anzurechnen, dass sie nicht den einfachen Weg gehen und die Migrantenthematik als Markenzeichen kultivieren. Dennoch bleibt leise Enttäuschung, dass dieses „Schloss“ normales Stadttheater ist, ohne Überraschung und Aufregungspotenzial.

27. bis 30. September, Turbinenhalle Bochum

Autor:  Stefan Keim
Datum:  26 | 9 | 2011
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