Am Anfang war ..., am Anfang war der Möglichkeitsraum. Alles, sozusagen. Aus den vier Richtungen des Himmels, aus der Tiefe des Raumes, kamen vier Figuren. Sie brachten Eis, Regen, Wind oder Nebel mit sich. Nun erzählen die vier Figuren, zwei Frauen, zwei Männer, uns ihre Geschichte. Sie beginnen dabei immer wieder von vorne. „Es kam ein Mann...“, erzählen sie, und es klingt wie „Es war einmal...“ oder „Es begab sich...“. Roland Schimmelpfennig erzählt seine Stücke gern wie Märchen. Hier, in „Die vier Himmelsrichtungen“, einer tiefromantischen Versuchsanordnung, tut er es besonders gern. Vielleicht ist es ein Märchen.
Im Anfang war ..., im Anfang ist das Haupt der Medusa. Seit jeher hat sie anstatt der Haare Schlangen auf dem Kopf und lässt ihr Blick die Menschen versteinern. Nun ist dieses Haupt, sozusagen, genau dort wo sich die vier Menschen getroffen haben, die sich aus den vier Himmelsrichtungen aufeinander zu bewegt haben. Das Haupt, mit vielen Locken, gehört einer „jungen Frau“, sie ist eine von den vieren. Und die Männer wollen die junge Frau, deswegen muss einer von ihnen sterben. Das ist, strenggenommen, auch schon die ganze Geschichte. Vielleicht doch kein Märchen.
Nun steht die junge Frau in Gestalt der immer etwas scheu und hölzern wie eine Marionette wirkenden Schauspielerin Kathleen Morgeneyer in der Mitte der Bühne des Salzburger Landestheaters mit glatten, langen Haaren. Sie trägt einen kurzen Rock und tritt von einem Bein aufs andere. Die Füße an ihren nackten, dünnen Beinen stecken in schweren Clogs. Um sie herum hat der Bühnenbildner Johannes Schütz kleine Erdhügel und eine Baggerschaufel hinterlassen: eine dunkel archaische Baustelle. Über ihr ein straff gespanntes Drahtseil, das vibriert wie gespannte Nerven, es könnte auch ein kleiner Vorhang wie im Zirkus dran hängen. Die junge Frau steht auf einem kleinen Podest in der Bühnenmitte, da stehen die vier Schauspieler aus den vier Himmelsrichtungen fast immer, wenn sie uns erzählen oder vorspielen, was sich begeben hat. Ein Präsentierteller sozusagen, oder eine Schlachtplatte.
Almut Zilcher, eine dunkle, geheimnisvoll wirkende Schauspielerin, die etwas von einer Wahrsagerin an sich hat, spielt „Eine Frau“, die andere. Diese Frau hat als einzige einen Namen, Frau Oiseau, Frau Vogel. Aber der Name ist nicht ihr richtiger, sondern ihr Künstlername. Sie ist Wahrsagerin. Sie kann die Zukunft wirklich voraussehen, nur nicht ihre eigene. Zilcher spielt das anfangs routiniert, bis der Wahrsagerin die Geschichte nahe kommt.
Sie ist zusammen mit „Ein Mann“. Dieser Mann findet vierhundert Kisten mit Luftballons, die langen (wie Schlangen), aus denen man Tiere machen kann. Das verändert sein Leben, er schminkt sich und wird Lufttierfigurenmacher, sozusagen. Auch er eine circensische Figur. Ulrich Matthes spielt einen Clown mit der ganzen überwältigenden Kraft der Vergegenwärtigung, die ihm eigen ist. Mit weit aufgerissenen Augen zaubert er ihn her wie ein lebendiges Phantom. Da scheint dieses Stück des Zeigens, des immer wieder neu Vorspielens, Vorstellens, Präsentierens, wie für diesen Schauspieler geschrieben.
Erdige Ruhe
Dazu „Ein kräftiger Mann“, dem Andreas Döhler erdige Ruhe lässt, bevor auch er über der Wucht des skurrilen Geschehens außer sich gerät. Er hatte einen Lastwagen gefahren, von dem in der Kurve vierhundert Kisten mit Luftballons gefallen sind, ein Tag, an dem sein Leben neu begann. Es ist fast egal, wer dann wen tötet, vorher sterben andere, vorher verschwinden Gesichter, es verschwindet der Gesichtssinn oder die Vorstellung. Spiegel werden blind. Einer hat Angst vor Fröschen, einer hasst Katzen, einer liebt Schweine – wir erfahren davon wegen der Lufttiere, die der geschminkte Mann aus den Schlangenluftballons macht. Alle scheinen Angst zu haben. Ein Mann hat in der Nacht Angst und steckt der schlafenden Frau die Zunge ins Ohr. Sie träumt, dass etwas in ihren Kopf wächst. Es ist die Frau, in der der Mann die Medusa sehen wollte.
So verschlingen sich die Szenen in Schimmelpfennigs Stück, und spucken sich wieder aus, der Raum faltet sich, schwarze Löcher öffnen sich. 52 Szenen sind es, 52 Anläufe zu einem Schauermärchen, sehr banal, bizarr, romantisch. Im letzten Drittel, nach einer guten Stunde, scheinen sich die vielen Geschichten und Wendungen aufzuheben. Aber auch das verschwindet wieder. Stück um Stück arbeitet Roland Schimmelpfennig an der Annäherung an ein namen-, end- und wohl auch sinnloses Gebiet. Will man ihm einen Namen geben, ist es der Tod. Eigentlich aber ist dieser Raum stumm. Ein Raum der Ungewissheit und Angst, des Zufalls und Schicksals. Sanfter, manchmal liebevoller Horror, sozusagen.
Schimmelpfennig inszeniert sich in Salzburg selbst. Nach dem Tod von Jürgen Gosch ist er sein bester Regisseur. Aber auch der Meister ist dabei. Es ist wie wenn die Selbstverständlichkeit und Gleichmut des Goschtheaters auf Schimmelpfennig übergegangen wären. Wenn sich am Ende Schütz und Schimmelpfennig einmal zu zweit verbeugen, scheint Gosch lächelnd dabeizustehen.
„Die vier Himmelsrichtungen“ ist das verhalten gefeierte Salzburg-Debüt des Berliner Autors Roland Schimmelpfennig und des Berliner Schauspielers Ulrich Matthes. Es ist eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater in Berlin und eine der letzten Produktionen des scheidenden Salzburger Schauspielchefs Thomas Oberender, dem kommenden Leiter der Berliner Festspiele. Die Berliner aber werden, jede Wette, sagen: „Wat soll’n dette?“
In Salzburg bis zum 6. August. Kommende Spielzeit im Deutschen Theater, Berlin www.salzburgerfestspiele.at