In den Pausen sieht man sie auf dem Dach der Alten Saline sitzen. Einige Schauspieler und Mitwirkende der als Marathon angekündigten Faust-Inszenierung ruhen sich aus, reden, essen. Und lachen. Der Blick über den Parkplatz auf die nahe gelegenen Berge entspannt. Im Advent findet hier der Original Halleiner Weihnachtsmarkt statt, mit allem, was dazugehört: Glühwein, Kerzen, Handwerkserzeugnisse, Christbäume. Im Sommer wird die Perner-Insel in Hallein seit 1992 zur Spielstätte der Salzburger Festspiele. Aus der Alten Saline, dort, wo früher Salz gewonnen wurde, ist eine Kulturlocation geworden, die irgendwie den Charme einer Fabrikhalle nicht los wird. Kein heiliger Kunstort also, sondern ein Arbeits-Raum mit merkantil-kapitalistischer Vergangenheit.
Kein schlechter Platz für die aktuelle Auseinandersetzung mit dem deutschen Drama schlechthin: Goethes Faust. An vier Wochenenden zeigt Nicolas Stemann in einer Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater hier zwei Stücke am Stück: Der Tragödie erster und zweiter Teil. Auf Faust I folgt direkt Faust II. Ein Marathon, der Schauspieler wie Zuschauer aufs Extremste herausfordert: Wer hat schon die Kraft, eine Aufführungsdauer von neun Stunden halbwegs schadlos zu überstehen?
Stemann, zuletzt 2008 mit Friedrich Schillers „Räubern“ zu Gast in Salzburg, gilt als begnadeter Elfriede-Jelinek-Interpret. Aufsehen erregte er mit seiner intelligenten und witzigen Inszenierung von Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“, in der vier Stunden ohne Pause ein Textmahlstrom den Zuschauersaal überflutete. Nicht nur bei Büchern der Literaturnobelpreisträgern, auch bei seinen Klassiker-Inszenierungen stehen nicht die Figuren im Zentrum, sondern die Texte. Wie kann das beim Faust gelingen? Mit einem Frontalangriff auf alle Theaterkonventionen?
Vor einem Marathon haben selbst gestählte Athleten Respekt. Auch wer sich mehrere Monate akribisch auf einen 42 Kilometer langen Dauerlauf vorbereitet hat, weiß, dass er scheitern kann: an falsch gesteckten Zielen respektive zu hohen Erwartungen, an unzureichender Ernährung oder widrigen Wetterbedingungen.
Rollenverteilung wird aufgehoben
Gefährlich wird es, wenn der Respekt in Angst umschlägt, das ist im Theater nicht anders. Denn aus Angst entsteht Lähmung. Ein Theater jenseits der Angst ist das Ziel von Stemann. Dafür hat er mit seiner Mannschaft vom Thalia trainiert. In zwei Arbeitsphasen von je zwei Monaten hat man sich den beiden Stücken genähert. Bis ganz zum Schluss wurde an den Fassungen geschraubt, die erst während der Proben entstanden sind. Richtig fertig geworden ist man bewusst nicht, denn die heraufbeschworene Laborsituation der Inszenierung soll nicht mit der Premiere verschwinden.
Im Stile eines großen Didaktikers zeigt Stemann wie sein Theater funktionieren soll – am Beispiel „eines der geheimnisvollsten Geschenke des deutschen Geistes an unser Jahrhundert“, wie Gottfried Benn den Faust charakterisiert hat. Faust I und Faust II werden schonungslos nebeneinander gestellt, um sie in ihrer Polarität und Verbundenheit deutlich zu machen.
Patrycia Ziolkowska als Gretchen weiß nicht ein noch aus. Ist nun Sebastian Rudolph der Faust oder Philipp Hochmair? Hilfesuchend wendet sie sich in Faust I abwechselnd beiden zu, in der Hoffnung, einer möge der Richtige sein. Denn der andere ist dann Mephistopheles. Ihre fast unheimlich anmutende Verwirrung ist der Methode geschuldet: Die klassische Rollenverteilung ist aufgehoben. So wie sich Rudolph in der ersten Stunde des ersten Teils der Tragödie als Faust, Mephisto, Wagner und Gott elegant durch den berühmten Versstrom gekämpft hat, sind auch Hochmair und Ziolkowska ständig in zahlreichen Rollen unterwegs, die sie dazu noch lässig untereinander tauschen. Selten wurde der doch eigentlich eingängige und klar strukturierte ersten Teil des Dramas allerdings so nüchtern auf die Bretter gebracht – auf eine Bühne, die eigentlich nur der schwarze Holz-Zauberkasten ist.