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Schaubühne Berlin: Du bist ein Anderer

Die Tussi in rosa ist ein Mann, aber um Travestie handelt es sich nur bedingt: Im neuen Stück "Over there" von Mark Ravenhill an der Schaubühne Berlin geht es um das Anderssein. Von Jürgen Otten


Foto: Heiko Schäfer

Wäre der Konsum das, was die Welt im Innersten zusammenhält, dann könnte diese Szene seine mögliche bildliche Entsprechung sein: ein arielweiß erleuchteter Guckkasten, an der Rückseite bepflanzt mit Lebens-Mitteln aller Arten, mitten drin ein hübscher Jüngling, der an einem Plastiktisch sitzt, sich den Magen mit schnellem Essen zustopft und bald darauf das Kauen vergisst.

Denn herein stöckelt, wie beiläufig, ein weibliches Wesen, das es dem Anschein nach mehr an sich als in sich hat. Breite Hüften wiegen (wackeln?) auf hochhackigen Schuhen, dralle Formen suchen nach Entlastung, Entladung oder Entspannung (je nachdem), und auch das Gesicht der Dame zeigt uns den entschiedensten Ausdruck des unabdingbar Wollüstigen. Wobei Dame nicht der richtige Ausdruck ist, Tussi in rosa würde es wohl besser treffen. Und selbst das taugt nur bedingt. Denn jeder sieht ja, dass die Lady ein Mann ist und dass es sich hier um eine Art Travestie handelt, ein Als-Ob, kurz: ein Anderssein.

Und genau darum geht es in dem neuen Stück von Mark Ravenhill, das, von ihm selbst gemeinsam mit Ramin Gray inszeniert, jüngst am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführt wurde und nun als Koproduktion mit der Schaubühne Berlin dortselbst Premiere feierte. "Over there" verhandelt zwar auf der erkennbaren ersten Ebene die deutsch-deutsche Causa, und ebenso wenig will es verhehlen, dass das Leben in der Warenwelt eine gewisse sublimierende Energie sowie den Zwang, diese Energie umzuwandeln, in sich birgt.

Aber das im Titel bekundete Da-drüben-Gefühl meint im Subtext doch wohl etwas anderes, jedenfalls garantiert auch etwas anderes. Es beschreibt die Verwirrung der Gefühle, die zwei Menschen überkommt, die sich unfassbar ähnlich sind, mit diesem Ähnlichsein aber nicht zurechtkommen.

Ravenhill, von dem man weiß, dass er auf dem Theater Märchen liebt, in denen die Suche nach der Liebe thematisiert wird, nennt sie Karl und Franz. Inwieweit er damit auf Schillers Bruderpaar Karl und Franz Moor rekurriert, darf sein Geheimnis bleiben. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht nicht. Doch schon der Verfechter einer "ästhetischen" Erziehung bemühte den dramaturgischen Kniff der verunglückten Geschwisterliebe, um zu veranschaulichen, wie konträr die Entwicklung zweier Menschen verlaufen kann, die in unterschiedlichen sozialen Milieus heranwachsen.

Wie dem auch sei, in "Over there" wird die Geschichte variiert: Da sind zwei Zwillinge, eineiig. Als beider Mutter 1968 in den Westen "rübermacht", darf der eine, Franz, mit. Der Andere, Karl, darf es nicht. Er bleibt beim Vater im Osten. Ein Vierteljahrhundert sehen sich die Brüder nicht. Als sie sich dann sehen, wissen sie nichts miteinander anzufangen und wollen es doch.

Sie reden aneinander vorbei, weil der kulturelle Kontext sie dazu verdammt. Aber sie kommen sich in diesem Aneinandervorbeireden immer näher, weil der körperliche Kontext den kulturellen überwölbt. Der Clou ist die Besetzung. Luke Treadaway spielt Karl, den Ossi. Sein Bruder Harry Treadaway, von dem wir annehmen dürfen, dass er tatsächlich sein Zwillingsbruder ist, spielt Franz, den Wessi. Was für eine Konstellation! Zwei Brüder spielen, und das phantastisch, zwei Brüder, die sich lieben wollen und hassen müssen, und die sich im Grunde ständig im klassischen Ravenhill-Rhythmus diesen einen Satz ins Gesicht klatschen: Du bist ein Anderer.

Ravenhill verfolgt den Gedanken eine Stunde lang obsessiv. Was wir erleben, ist eine Art Tischtennis-Staccato-Theater. Sätze fliegen, plong!, von links nach rechts und sofort wieder zurück. Darin liegt die Stärke des Abends, darin liegt seine Schwäche. Sobald ein Ball mal nicht zurückkommt, droht sogleich das Ganze aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Ravenhill steuert dagegen, schraubt die Dialoge in surreale Sphären hinauf, erfindet Kunstsprachen, macht Schwämme zu Kindern, lässt seine Helden sich mit Ketchup, Nutella und Mehl einölen, immer stofflicher gerät alles. Bis am Ende zwei verschmierte, halbnackte Leiber am Boden liegen, eng aneinander geschmiegt, gleichsam in embryonaler Verzückung, und man das Gefühl hat, die Sucht nach Liebe sei womöglich doch größer als die Suche nach der Differenz der Identität.

Nächster Termin: Am 25. März in der Schaubühne Berlin und dann wieder am Royal Court Theatre in London.

Autor:  JÜRGEN OTTEN
Datum:  24 | 3 | 2009
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