Von den Seelennöten der deutschen Soldaten in Afghanistan ist gegenwärtig viel die Rede. Vom fehlenden Rückhalt im Heimatland. Seit Monaten windet sich die bundesdeutsche Politik um eine klare Bezeichnung des Einsatzes der Truppen am Hindukusch: Handelt es sich um einen "bewaffneten nicht-internationalen Konflikt", um einen "robusten Einsatz" oder zumindest um "kriegsähnliche Zustände"?
Der Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, Armin Petras, versucht in einer Regiearbeit für die Münchner Kammerspiele eine Kriegserklärung. Unter dem Titel "Der Krieg" verschaltet er zwei unterschiedliche literarische Herangehensweisen: die Komödie "La Guerra" des italienischen Bühnendichters Carlo Goldoni und das tragödienhafte Fragment "Robert Guiskard" von Heinrich von Kleist. Aber anders als bei Petras zu vermuten wäre, entsteht keine explosive Collage. Beide Stücke werden, behutsam verdichtet, strikt nacheinander erzählt. Zunächst das Lustspiel, dann das Trauerspiel: Warm Up mit Goldoni, dann das harte Workout?
Das Setting in "La Guerra" ist nicht der militärische Kampfeinsatz, sondern die Waffenpause. Blutige Wunden müssen nicht geleckt werden vor den Toren der belagerten Festung, die Pflege zerfetzter Beine wird aber angedeutet. Vielmehr haben die Soldaten ganz normalen Partystress: Wo gibt es mehr Wein, mehr Frauen und mehr Geld, um das alles zu begleichen?
Aber die Ekstase des Vergessens wird vom Bühnenbild neutralisiert. Vor einer zumeist nur einen Bühnenstreifen freilassenden Holzwand verausgaben sich die Süchtigen des Krieges auf der einen und die kapitalen Kriegsgewinnler auf der anderen Seite in einem fast sterilen Raum. Petras hebt nur an wenigen Stellen diese Laborsituation auf. Dann allerdings siegt nicht die Differenz, sondern die Opulenz: Wenn beispielsweise Wiebke Puls als Donna Aspasia und Peter Jordan als Don Polidoro die leidenschaftlicheren Al Bano und Romina Power geben und deren Dauerlutscher "Felicità" in Brausepulver verwandeln, will das Publikum einfach mehr davon.
Ansonsten wird nicht viel gelacht. Vor allem deshalb, weil Goldoni Petras in die Karten gespielt hat: "La Guerra" besitzt mehr Unterbau als viele von Goldonis sonstigen Komödien, und Petras kann die Vorlage mit ruhiger Hand bis auf die Knochen reduzieren. Am Ende bleibt ein düsterer Blick, wenn die ursprünglich den Text tragende Liebesgeschichte zwischen Donna Florida (Tabea Bettin) und Don Ferdinando (Lasse Myhr) als Kurzgeschichte der Gewalt erzählt und das Happy End abgeschnitten wird. Mit lautem Knall fällt die Wand, die Tragödie wird fortgesetzt.
Die Düsternis verdichtet sich. Heinrich von Kleists Fragment "Robert Guiskard" entfaltet die Geschichte des gepeinigten, pestverseuchten, kriegsmüden Volkes, das von seinem Führer nur noch eins verlangt: Heim ins Vaterland geführt zu werden. Die ähnlich sedimentiert wie zuvor wirkende, fast requistenfreie Bühne mit kaltem Licht und fahlen Farben lässt das herausragende Ensemble hervortreten. Vor den Toren der belagerten Stadt bangen, hoffen, verzweifeln die Geschundenen. Angeführt von einem jungen Greis (Thomas Schmauser) müssen sie auch noch einen Erbfolgestreit zwischen Robert (Steven Scharf) und Abälard (Edmund Telgenkämper) aushalten, während Guiskard (Thomas Lawinky) seinen Herrschaftsanspruch durch lächerliche Männlichkeitswahnbeweise aufrechtzuerhalten versucht.
In den fast unspektakulären Inszenierungen beider Stücke unternimmt Petras den Versuch, den historisch inspirierten Vorlagen ihre mehr oder weniger gegebene konkrete Raum/Zeit-Bestimmung zu nehmen und sie weit zu öffnen. Schildert Petras mehr als nur die unvermeidlichen zwei Seiten einer Medaille: hie das betäubte Wegsehen der Täter, Beistehenden, Fernsehzuschauer, dort das bloße Leiden der Betroffenen? Erklärt er uns den Krieg? Geschickt vermeidet er es, "falsche" Helden- und "richtige" Opfernarrative zu servieren und verzichtet damit auf die gegenwärtig zu beobachtende Emotionalisierungstendenz in Kriegsgeschichten. Was aber bleibt, ist eine seltsame Unberührtheit, die irritiert.
Kammerspiele München: 15., 19., 31. März, 11., 16., 18. April. www.muenchner-kammerspiele.de