Etwas stimmt hier nicht. Wir sitzen im Bockenheimer Depot in Frankfurt, an sich eine weitläufige Theaterhalle, und es fühlt sich an, als säßen wir in den Kammerspielen oder einem anderen Kellertheater. Nach der neuen Box im Schauspielhaus und den in Frankfurt besonders boxartigen Kammerspielen gibt es im Depot nun die dritte Box des Schauspiel Frankfurt. Alles Box also am Main. Nur geboxt wird hier natürlich nicht, dafür gibt es das, was wie von selbst dem Geist des Ortes entspricht und entspringt und was man vielleicht am besten "Kammerspiel, voll sensibel" nennt.
Denn natürlich sind wir nicht nur im Bockenheimer Keller, wir sind auch in Albert Camus´ Roman "Die Pest", 1947, Oran, französisches Nordafrika. Aber auch da stimmt etwas nicht. Man muss sich die Anwesenheit der fünf Herren und einen Dame hier in etwa so vorstellen, als habe ihnen der Regisseur, Martin Kloepfer heißt der Mann, dauernd gesagt: Haltet euch bloß zurück, macht mir hier nichts kaputt, seid vorsichtig, wenn ihr diesen Text anfasst. So haben wir fünf Herren und eine Dame, die erstaunlicherweise allesamt aussehen, als seien sie dem französischen Genrekino entsprungen, in einer nordfranzösischen Variante allerdings, und die sich hier ansonsten sachte, sachte durch einen kleinen weißen Bühnenkasten bewegen, auch mal vor dem Schreibtisch auf dem Stuhl zusammensinken oder in der Ecke kauern und sich dabei über die Vernichtung der Bevölkerung von Oran und natürlich auch irgendwie existentialistisch unterhalten.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Sie machen das durchaus bewundernswert. Martin Rentzsch etwa spielt den Dr. Rieux, Camus´ Stellvertreter sozusagen, sehr ruhig und uneitel, überhaupt nicht schnoddrig oder sonstwie beiläufig, er denkt sich konzentriert durch seinen Text hindurch. Dieser Mann ist kein Eiferer, auch wenn er den Gedanken, dass die Pest ausgebrochen ist, lange vor seinen Mitmenschen und den Behörden zu denken in der Lage ist. Er hat großes Interesse an dem, was vor sich geht, und hält es aus, den Dingen ins Gesicht zu sehen, auch wenn es der Tod seiner Frau ist.
Michael Goldberg ruft als Tarrou mit den leuchtenden Augen des Apokalyptikers "Gott ist nicht lau" und hält sehr schön die Fremdheit dieser Figur aufrecht. Michael Abendroth als Grand scheint als schüchterner Ästhetizist in seine Amazone, die er sich schlank durch den Bois de Boulogne reitend vorstellt, wirklich verliebt. Und Michael (ja, alle heißen Michael) Benthin als ein schmieriger Selbstmörder Cottard fühlt sich mit Ausbruch der Pest wohl wie ein Fisch im Wasser oder besser eine Sardine in der Öllache des allgemeinen Unglücks.
Ernster Autor, nicht ernst gemnommen
Man hört immer wieder Straßengeräusche wie in Algier, Benthin steckt sich mal eine Klammer ins Haar und ist dann Rieuxs Mutter, alles nett und alles o.k.. Aber allein darum, dass hier versiert und ein wenig scheu ein Roman auf die Bühne gebracht wird, kann es ja nun nicht gehen. Seit Jahren wird eine Camus-Renaissance nach der anderen herbeigewünscht, wirklich durchgeschlagen hat bisher keine, dabei würde es niemandem schaden, diesen ernsten Autor ernst zu nehmen.
Das tut Kloepfer auch irgendwie, aber er hat keinen Schimmer, was er mit Camus erzählen möchte. Man kann "Die Pest" als Antwort auf den 2. Weltkrieg und die Resistance verstehen, einer Zeit, als es klarer war als heute, was zählt. Man kann den Roman als Mutter aller Seuchen- und Infektionsfilme (Ebola, Aids, etc.) bis hin zu "Alien" lesen. Man kann ihn meinetwegen auch allgemein menschlich verstehen. Aber dann doch nicht so verhuscht.
Camus macht nur Sinn, wenn man sich mit ihm die Fragen, die er stellt, wirklich stellt, und diese Fragen sind klar: Wie kann man mit Anstand leben? Und wie kann man das aushalten? Wenn man ihn aber so vorsichtig, scheu und supersensibel auf die Bühne stellt, wird er läppisch.
Man schaut diesen Menschen im Ausnahmezustand zu wie aufgespießten Insekten unter Glas. Um diesen Eindruck zu zerstreuen sinkt der lange gefasste Rieux am Ende zusammen und fleht auf Knien den Gott an, an den er nicht glaubt, ein Kind zu retten. Natürlich ist das berührend, aber ebenso natürlich ist das nicht mehr als Sentiment. Dabei wäre die Textfassung o.k., auch wenn das Jahr der Pest hier in knapp eineinhalb Stunden auf das Auftauchen und das Verschwinden der Pest zusammenschnurrt.
Bockenheimer Depot, Frankfurt: 2., 6., 13., 14. und 28. Februar. www.schauspielfrankfurt.de