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Theater

17. Dezember 2012

Schauspiel Frankfurt: Ein Nachruf

 Von 
Die Charaktere heißen Sebastian, Roman, Magdalena, Hannah – gespielt werden sie von Marc Oliver Schulze, Oliver Kraushaar, Constanze Becker, Claude De Demo. Foto: Hupfeld

Die Beziehungskomödie „Wir lieben und wissen nichts“ von Moritz Rinke am Schauspiel Frankfurt.

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Dies ist ein Nachruf. Es ist ein Nachruf auf das gute alte Beziehungsdrama. In diesem Beziehungsdrama haben in der Regel zwei gutsituierte Paare in gepflegtem Ambiente den Partner getauscht oder ihre Neurosen gepflegt. In Edward Albees „Virginia Woolf“ erreichte dieses Beziehungsdrama (das 200 Jahre zuvor geboren worden war) seinen Höhepunkt. Damals wurde deutlich, dass das Beziehungsdrama ein Drama des Zerfleischens und Entblößens ist.
In den Neunzigerjahren hatte Patrick Marber mit „Hautnah“ dann noch einmal einen großen Beziehungsdrama-Erfolg. Das Stück wurde mit Julia Roberts verfilmt. Heute aber scheint die Zeit für Neurosenpflege und Seelenfledderei vorbei. Man genießt sein Leben lieber in vollen Zügen und ob es gerade der Lebenspartner ist, mit dem man das tut, ist ziemlich egal. Oder man hat ohnehin ganz andere Probleme. Einerseits. Andererseits schreibt die erfolgreichste Dramatikerin der Welt Beziehungsdramen. In Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ und „Gott des Gemetzels“ passiert kaum mehr, als dass sich zwei Paare gegenüberstehen. Vielleicht ist gerade dies das Geheimnis des Erfolgs: Man lacht unbeschwert, weil die Paarprobleme so ernst auch nicht mehr sind.

Klassische Zwei-Paar-Beziehungskomödie

Das mag sich auch Moritz Rinke gedacht haben, als er jetzt eine klassische Zwei-Paar-Beziehungskomödie geschrieben hat. „Wir lieben und wissen nichts“ zeigt vier erwachsene Menschen, die sich zum Wohnungstausch treffen und hart am Partnertausch entlangschrammen. Sebastian ist ein vergrübelter Schluffi und aufgeweckter Zeitdiagnostiker. Er wird von Hannah gegen seinen Willen nach Zürich zwangsverpflanzt, weil sie dort gut bezahlte Yogakurse für Banker geben will. Sie ist in der Beziehung die Macherin, die alles im Griff hat.
Ihre Wohnung soll nun von Roman zwischengenutzt werden, der als Informatiker an einem Satellitenprojekt mitarbeitet. Heute soll der Satellit ins All geschossen werden, deswegen hat Roman sich beeilt. Er will in seiner neuen Wohnung noch schnell die Computeranlage installieren, um den Abschuss live mitzuerleben. So wie Hannah Sebastian im Schlepptau hat, so hat Roman Magdalena aus Zürich mitgebracht. Die ist ein Mäuschen mit schönen Beinen und fühlt sich von Sebastians unausgegorenen Romanfantasien im Innersten verstanden, so wie wiederum Hannah von Romans Machermentalität angezogen wird.

Die Dialoge, mit denen Rinke sein Paarstück entfaltet, sind gewitzt und geschmeidig. Die Themen, die er dabei durchspielt oder antippt, sitzen. Vor allem Sebastians ironische Zeitdiagnostik trifft. Die Auflösung von Partnersex im Computersex, die unumschränkte Zwangsherrschaft von PIN-Nummer und Passwort, Sebastian wehrt sich heftig und erfolglos wie wir alle gegen die Trends der Zeit. Gnadenlos bohrt er dagegen im ungelösten Widerspruch von Hannahs ökonomischer Existenz herum: Warum gibt sie genau denen Yogakurse, die die Welt zerstören? Damit die zu sich kommen und ihr Geschäft noch effizienter betreiben können?

Ohne Überraschung und Tiefe

So weit, so gut. Das Stück ist etwas sebastianlastig, er ist dem Autor am nächsten. Es wird umso schwächer, je mehr es zum Beziehungsdrama wird. Bis sich am Ende die ohnehin schwammig konstruierte Liebes- und Versteckhandlung im Nichts auflöst, es fehlen Wendung, Zuspitzung oder Überraschung, Tiefe. Dazu kommen ein paar inhaltliche Ungereimtheiten: Das Stück spielt in Frankfurt, aber die reden, wie wenn Frankfurt früher mal war („Frankfurt war der Horror!“)? Wieso ist Roman als Informatiker für Legierungen zuständig? Und wieso guckt er den Abschuss nicht in Zürich an?
Und auf der Bühne? Beziehungsdramen brauchen Pointe und Psyche. Das Timing bei den Witzen macht die Komödie, die psychologische Feinzeichnung das Drama. Bei der Uraufführung durch den Frankfurter Intendanten Oliver Reese in den Kammerspielen, beherrscht Marc Oliver Schulze als Sebastian die Szene. Er schwadroniert, gestikuliert und forciert. Schulze drängelt sich förmlich in seine Rolle. Festgeklebt auf einem Stuhl windet er sich nach Kräften: der Schluffi als Kraftpaket, der Bücherwurm als Sprechungeheuer. Der Mann schleudert die Pointen nach vorne, dass das Publikum quietscht. Er hat viel, nur nicht seine Rolle.
Claude De Demo steht als Hannah blass, nett und süß daneben. Nichts ist von dem Druck zu spüren, unter dem sie steht. Morgen beginnt in Zürich der Kurs, Sebastian will nicht weg, Roman will die Wohnung doch nicht tauschen, doch sie? Roman steht auch herum, aber nicht süß, sondern stocksteif. Was Oliver Kraushaar da macht, hat – wie bei Claude De Demo – etwas von Komödienarbeitsverweigerung. Und der Regisseur stand wohl auch etwas daneben.
Die frisch gekürte Eysoldt-Ring-Trägerin Constanze Becker, die besser für Hannah geeignet wäre, spielt das Mäuschen Magdalena. Immerhin, da bekommt Schulze einen Widerpart. Und immerhin, auch das kann die Tragödin Becker, den kleinmädchenhaften Augenaufschlag und unterwürfigen Frageblick: Warum versteht mich denn keiner?
So also endete in Frankfurt die Sache mit dem Beziehungsdrama.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 11., 16. Januar. www.schauspielfrankfurt.de

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