Spüren Sie Ihr Herz? Wie fühlt es sich an, jetzt, genau in diesem Moment? Ganz normal und, irgendwo in einem versteckten Winkel, ein wenig ängstlich, wenn Sie ehrlich sind? Oder erwartungsvoll? Vielleicht ist es sogar etwas erregt? Genau darum geht es hier, Ihr und nur Ihr Herz. Hier hin, mitten in Ihr Herz und nirgendwo anders hin, zielt "Remake :: Rosemarie".
Rosemarie, das ist die Nitribitt, Rosalie Marie Auguste mit vollem Vornamen, die berühmteste Frankfurterin ever, Fünfziger-Jahre-Edelnutte aus der Stiftstraße, die die Nachkriegs-Society um den Verstand brachte. Vielfach verfilmt, vertextet, mystifiziert. Im Bockenheimer Depot in der Nitribitt-Stadt hat Bernhard Mikeska jetzt einen sehr ungewöhnlichen, sehr kleinen und sehr spannenden Theaterabend aus Nitribitt-Motiven gemacht. "Szenische Installation für je einen Beobachter" nennt sich das eine knappe Stunde dauernde Ding, und das trifft es schon mal ganz gut.
Sie sind allein, Sie sitzen mit dem Rücken zur Tür, Sie haben einen Kopfhörer auf, Sie hören Geräusche. Verheißungsvoll nähert sich das Klackern hoher Absätze. Sie gehen durch die Tür, da spricht jemand, flüstert, schnauft, atmet ganz nah, fast innen drin in Ihrem Kopf. "Du bist mein Fuchs", sagt die Stimme. "Na, mein kleines Tier" schleicht sie sich in Ihr Ohr. "Spürst Du Dein Herz schlagen", fragt sie schmeichelnd. "Spürst Du die Hitze in Deinem Herz?" Da denken Sie, dass Sie wissen, wer Sie sind. Aber denkste.
Der einsame Zuschauer durchwandert nun einen Parcours durch verschiedene Zimmer, wahrscheinlich in der Wohnung der Nitribitt, die fast alle fast gleich aussehen. Dort trifft er verschiedene Personen, deren Identität wir hier nicht aufdecken wollen, weil Ihnen das die Überraschung nehmen und damit das Vergnügen an diesem Abend schmälern würde. Auf jeden Fall geht es um den ungeklärten Mord an Rosemarie Nitribitt, und auf jeden Fall nehmen Sie irgendwie am ihm teil.
Darum geht´s: Wer bin ich, tief in mir drin?
Ebenso sicher sprechen die Personen ganz persönlich mit Ihnen, sie sprechen Sie an, und Sie können manchmal antworten, wenn Sie wollen. Je nachdem, wer diese Personen sind, mit denen Sie allein sind, sind auch Sie jemand anderer. Und darum geht´s: Wer bin ich, tief in mir drin? Der Vergewaltiger der kleinen Rosalie Marie Auguste, der reiche Freier, der arme Freier, die Zugehfrau? Oder vielleicht die Nitribitt selbst? Ist der Fall, nach 52 Jahren, gelöst?
Je nachdem, wer man ist, antwortet man anders. Hier ist man als Zuschauer richtig gefordert, je mehr man versteht, welche Rolle man gerade übernommen hat, desto mehr kann man sich einlassen und desto mehr hat man von dem Selbsterfahrungstrip, auf den Mikeska und sein Texter Lothar Kittstein einen hier schicken. Das ist natürlich immer so, zumindest wenn es um Kunst geht, hier aber spürt man es besonders.
Was Mikeska und die sechs Schauspieler knapp fünf Stunden pro Abend machen, alle zehn Minuten wird ein Zuschauer eingelassen, gehört zu einem neuen Theaterformat, das seit ein paar Jahren von verschiedenen Performern erprobt wird. Das dänische Duo Signa ist damit sehr bekannt geworden, dass sie einem auf den Pelz rücken, Janet Cardiff schickt einen manchmal auf solche Reisen, wo sich Bilder und Realität zu einer neuen Erfahrung verdichten. Immer geht es dabei um die Engführung von Aufführung und Zuschauer, man kommt dichter ran, dichter auch an sich selbst.
Intim wird es für alle
Jeder Zuschauer erlebt hier etwas anderes. "Remake :: Rosemarie" ist mit unauffälliger, aber mathematisch präziser Kombinatorik gebaut, es läuft wie am Schnürchen.
Intim wird es für alle. Auch für die Schauspieler. Thomas Huber rückt Ihnen auf die Pelle, Martin Rentzsch schenkt Ihnen ein echtes Aha-Erlebnis, und Valery Tscheplanowa kommt Ihnen näher, als manchem lieb sein dürfte. Und dann wissen Sie auf einmal gar nicht, wie Ihnen geschieht, und Sie stehen im Freien. Ausgespuckt von diesem eigenartig umgestülpten Theater.
Bockenheimer Depot, Frankfurt: 18., 19., 20., 22., 28. Dezember, 2., 3., 9., 10. Januar.