Wild Honey Pie" heißt eine eher unbekannte Nummer auf dem "Weißen Album" (soweit es hier unbekannte Nummern gibt). Immerhin aber steht es an fünfter Stelle auf der ersten der beiden Platten. Das Ding, Lied kann man kaum sagen, klingt auch heute noch total abgedreht, ein Probenschnipsel, nicht mal eine Minute lang, der sich zwischen die anderen Songs verirrt hat. Eine musikalische Blödelei, definitiv naiv, bei jeder anderen Band sehr wahrscheinlich peinlich. Bei den Beatles aber klingt es nach Freiheit und guter Laune.
"Wild Honey Pie" könnte der Geist heißen, aus dem heraus am Schauspiel Frankfurt das "Weiße Album" aufgeführt, übersetzt und gesungen wird. Fünf Mikros, fünf Sänger (nein, die Frage, wer ist John und wer ist Paul, stellt sich nicht), zwei Frauen, drei Männer, alle ganz in Weiß. Sie eröffnen mit einem Potpurri an der Rampe und mit dem Ende: "Good Night". Aus "Dear Prudence" wird "Hey Prudence", dazu "Helter Skelter". Noch merkt man nicht viel davon, dass hier einer unserer ersten Dichter, Roland Schimmelpfennig, übersetzt hat. "Sexy Sadie" bleibt (natürlich) "Sexy Sadie".
Dazu ein paar Pilzperücken, man gießt sich Wasser aus einer Flasche über den Kopf und eine winzige, rote Luftgitarre wird gespielt. Der Sound ist anfangs etwas undeutlich, man versteht die Texte schwer. Klar ist das ein großes Ratespiel. Welches Lied singen die jetzt? Die deutschen Worte klingen erstaunlich fremd. Die selbständigen Arrangements der vier Musiker an Schlagzeug, Piano, Gitarre, Bass (und vielem mehr, bis zur singenden Säge) machen es einem das Raten auch nicht immer leicht.
Langsam wird´s charmant und ironisch. Gaby und Achmed kommen sich am Gemüsestand näher, die deutsche 2010er Fassung der frühen Reggae-Nummer "Ob-La-Di, Ob-La-Da". "Why don´t we do it in the road" heißt jetzt "Komm zieh dich aus, wir tun es hier". Daraus wächst die Countryballade "Rocky Raccoon", zart instrumentiert für zwei Streicher und eine Basstrommel, zu der zwei winzige weiße Cowboys ziemlich sophisticated ganz weit oben auf der weißen Bühnenrückwand reiten. Da beginnt die Aufführung, wie ein riesiger verspielter Setzkasten auszusehen.
Es ist immer wieder bezweifelt worden, dass das "Weiße Album" ein Konzeptalbum ist. Daran, dass diese Aufführung eine Konzept-Aufführung ist, dass also die Songs zusammenhängen und miteinander kommunizieren, gibt es immer weniger Zweifel.
Und die fünf Frankfurter Beatles werden immer besser. Marc Oliver Schulze bewegt sich mit nach innen schauenden Stiefelspitzen wie ein ganz lässiger Rocker. "Weil du niemand wirklich liebst" ("While my guitar gently wheeps") singt er maximal minimal zur Gitarre. "Mach dich locker" bellt dagegen die zarte Nadja Petri ins Publikum, wobei ihr (Vorsicht Zwischenrufer!) zuzutrauen ist, dass sie noch konfrontativer sein kann. Christoph Pütthoff ist ein Supertänzer. Er sieht aus wie ein junger Klaus Maria Brandauer, der einen ganzen Schwarm Wespen verschluckt hat, wenn er tanzend über die Bühne fegt.
Ein Höhepunkt: Schulze singt schwer den "Yer Blues", die Drehbühne bewegt sich um 180 Grad, "Ich bin einsam, ich will tot sein", er sitzt zusammengesunken auf der Rückseite der Bühnenwand. Da geht eine Tür auf, "Oh, wer mag das sein?", sagt er. Es sind zwei der Musiker mit Cello und Bass. Darauf begleiten sie, nur gezupft, der Sound wird immer leichter und transparenter, "Blackbird", das Nele Rosetz sehr, sehr schön oben in der Bühnenwand singt.
Überhaupt, die Balladen: Torben Kessler hatte "Mother Nature´s Son" schon so weich gesungen, dass man dachte, das Lied müsse von Crosby, Stills, Nash & Young sein. Jetzt singt er zugleich traurig und froh, schmelzend an der Bühnenrückwand, "Weil ich dich wirklich will" ("I will"). Dazu bewegen sich als Videos Figuren über ihn und aus ihm heraus, Figuren wie Roland-Schimmelpfennig-Menschen, Kommen und Gehen. Kleine Poesie, die der Regisseur Florian Fiedler da inszeniert hat.
Vor allem aber ist sein Abend verspielt. "Back in the U.S.S.R." wird, und zwar mit Air Berlin von Köln aus, "Zurück zum DTSB" (in der DDR der Deutsche Turn- und Sportbund). Und was ist: "Hey Reihenhausfrank, bist du heut krank"? Klar, "Bungalow Bill, what did you kill". Pütthoff als pudriger Barockadliger singt die Drogennummer "Piggies" als vollkommen aus der Luft gegriffenen Traum: "Wenn sie so im Vorstand sitzen, brauchen sie nicht mal zu schwitzen. Überall gibt´s viele Schweine." Und dazu dann, sozusagen als Kommentar, "Revolution": "Du sagst, du machst jetzt Revolution. Naja, wie schön." Manchmal verändern sich Lieder allein dadurch, dass man sie übersetzt.
"Cry, Baby, Cry" hatte Nele Rosetz zum kalten und kargen Girlie-Song gemacht. Dazu war Schnee gefallen, im Theater immer etwas kitschig, hier kalt und weiß. Alles weiß hier, oder was, muss man irgendwann denken. Man hätte es wissen können: Das Schauspiel Frankfurt ist ein "Weißes Album". Schon das einfache Weiß-Schwarz-Design! Sogar die U-Bahn-Haltestelle sieht ja hier seit Neuestem so weiß aus!
Das Schauspiel in Frankfurt ist derzeit wirklich eine Wunderkiste oder ein Wunderalbum, wo immer neue charmante Überraschungen wie dieser Abend herausquillen. Außen streng schwarz-weiß, innen bunt und voll Freiheit aus dem Geist der Anspielung.
Schauspiel Frankfurt: 14., 26., 28. Februar, 6., 12., 13. März 2010 www.schauspielfrankfurt.de