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Theater

21. Februar 2016

Schauspiel Frankfurt: Ist alles nüscht weiter

 Von 
„Der Revisor“ als Spaß und Selbstfindungsdrama.  Foto: Birgit Hupfeld

Das Schauspiel Frankfurt zeigt Nikolai Gogols „Der Revisor“, wie Sebastian Hartmann ihn sieht.

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Sebastian Hartmann zeigt Nikolai Gogols „Der Revisor“ als Spaß und Selbstfindungsdrama für fünf Schauspieler, drei Schauspielerinnen und den freundlichen Musiker Steve Binetti. Das zieht Hartmann durch, muss man sagen.

Isaak Dentler durchsticht der Zuschauerin Almut den Hals, ohne dass dieser Schaden nähme.

Holger Stockhaus ist Dobtschinski und Bobtschinski und außer ihm versteht keiner, was sie so lange berichten, weil es zu schnell und zu fremdländisch ist (Szenenapplaus, und Stockhaus dann so: „Ich fasse noch mal zusammen“).

Katharina Bach, Franziska Junge und Linda Pöppel sind auch auf wiederholte Aufforderung hin nicht bereit, die Wendung „Macht eine Gans“ als Auftrag für die Küche zu verstehen.

Sascha Nathan schickt eine stille Post durch das Publikum und zwar wohl das Wort Erektion.

Jan Breustedt rennt eine ganze Weile nackt rund um die Drehbühne.

Max Mayer wäre ebenfalls längst nackt, wenn er nicht so unheimlich viele Unterhosen anhätte. Er wirkt fast ein bisschen enttäuscht.

Immer wenn Max Mayer das Wort Aufzug hört – die Schauspieler tun so, als wollten sie uns erklären, was im nächsten Aufzug passiert –, tut er so, als wollte er sofort in den Lastenaufzug, welcher sich irgendwo hinten befinden soll. Wenn die Schauspieler also stattdessen sagen: Akt, dann tut er so, als wolle er sich freimachen. Ernsthaft.

Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus einem 140-minütigen pausenlosen Zeitvertreib, in dem menschenförmige Fliegen weggehauen, Wortspiele auf Lebensmittel Richtung Ewigkeit gehen, scharf geschossen wird, nein, doch nicht scharf, und Gender-Trash mit Schnurrbärtchen ausführlich dargeboten. Wer von den Frauen sein Schnurrbärtchen anhat, ist ein Mann.

Das könnte stundenlang so weitergehen, das müsste auch gar nicht erst angefangen haben, aber vieles ist ulkigerweise tatsächlich unwiderstehlich komisch, und die Schauspieler sind so possierlich und auch so nett angezogen. Eingangs hüpfen, holpern, hetzen sie juchzend in Abendanzügen mit Zylinder über die Bühne, nachher steht originelle Revuekleidung zur Verfügung (Kostüme: Adriana Braga Peretzki).

Die dummen Witze, die auch dumm sein sollen, so genannte Augenrollwitze, sind selbstverständlich keineswegs komisch. Sie sind eher ein wenig altmodisch, denn war das nicht vor ein paar Jahren so: Man machte schlechte Witze und lachte dann gemeinsam darüber, dass man einen so schlechten Witz gemacht hatte?

Ein seltsamer Zufall natürlich, dass sich einen Abend zuvor schon ein anderer Teil des Ensemble als skurrile Minitruppe in eigenartiger Umgebung präsentiert hat. Schauspieler können das gut, die Frankfurter Schauspieler können das umwerfend gut. Linda Pöppels Bewegungsspielraum, Franziska Junges die Möglichkeit des Tragischen lässig mit zu herüberziehende Komödiantentum, oder Max Mayers Exaltiertheit als größenwahnsinniger Schlenkerknirps: Auf diesen Feldern kann man nicht mehr Leistung bringen.

Holger kann das so toll

Jan Breustedt heult, weil Holger (so sagt Jan) das Dobtschninski-Bobtschinski-Stück so toll hinbekommen hat. Da würde ich als Schauspieler auch heulen, aber es ist ja überhaupt nicht ernst gemeint. Hierin ist Hartmann ebenfalls knallhart. Eine Wendung (wohin auch immer) findet nicht statt, ein Abgrund tut sich nicht auf. Es ist lediglich irgendwann vorbei, auch will Sascha Nathan ans Büfett, und man muss sagen, dass zwischendurch ohnehin immer wieder einmal ein paar Leute gegangen sind.

Die Kulisse wird also nach oben abgezogen, und es bleibt noch Zeit aus den hinten bereitgestellten Leuchtbuchstabenwürfeln „REVISOR“ das Wort „SORRI“ zu formen. Beim Scrabble gilt das nicht, beim Theater anscheinend schon.

Überschneidungen des Hartmann-Abends – des zweiten am Schauspiel Frankfurt nach den „Dämonen“, die eine andere Klasse (und Länge) hatten – zur Vorlage finden sich. Beispielsweise, indem es auch bei Gogol darum geht, wie man, nun ja, durchs Leben kommt, sich in Szene setzt und im richtigen Augenblick wieder verschwunden ist. Indem sich auch bei Gogol die Frage stellt, wer wer ist, und woran man das merkt. Bei Hartmann merkt man es – vom ausführlichen Schnurrbärtchen-Sketch abgesehen – an nichts. Entsprechend kommt es allenthalben zu Verwechslungen und Unstimmigkeiten, sobald doch einmal versucht wird, etwas Gogol zu spielen.

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Hartmann selbst hat sich ein Bühnenbild dazu ausgedacht, das auf großer Drehbühne etliche leicht psychedelisch tapezierte Nischen bietet. Alles bleibt in der Sphäre des Unwahrscheinlichen, Sinnlosen. Auch darum zaubert Dentler dies und das, und manchmal klappt’s und manchmal nicht, und darum verstrickt sich Stockhaus – ein smart alerter Typ, mit dem Hartmann schon als Intendant in Leipzig zusammenarbeitete – in einen weiteren langen Monolog über das Wort „nüscht“, denn er berlinert nach Kräften bei dieser Gelegenheit.

Im Detail wird das wie alles hier irgendwie begründet. Im Großen und Ganzen sind es 70 Prozent Unterhaltung und 30 Prozent nüscht. Es folgt nüscht daraus, außer einer wohlwollenden Applauslänge.

Schauspiel Frankfurt: 22. Februar, 6., 9., 11., 14., 31. März. www.schauspielfrankfurt.de

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