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Schauspiel Köln: Der Rest von uns ist Bank

Wortwitzverliebt und kalauerbesessen war Elfriede Jelinek schon immer. Ihre Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns", wirkt über weite Strecken wie ein kabarettistischer Amoklauf. Von Stefan Keim

Bei Elfriede Jelineks Stück Die Kontrakte des Kaufmanns hieß es: Durchhalten!
Bei Elfriede Jelineks Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns" hieß es: Durchhalten!
Foto: dpa

Klein sind sie, die Kleinaktionäre, schon körperlich. Dann werden Therese Dürrenberger und Ralf Harster, zwei alte Schauspieler mit jugendlicher Ausstrahlung, von ihrem noch eingepackten Sofa geschubst. Es war auf Pump gekauft. Das Geld ist weg. "Die Börsenkurse fallen, weh, weh, weh", jammert später ein Chor der Greise. Einsicht oder gar Reue zeigt keiner. Die Verantwortlichen der Krise müssen sich ja auch bloß mit ihren Abfindungen abfinden, während sie den Werktätigen das Ersparte ersparen.

Wortwitzverliebt und kalauerbesessen war Elfriede Jelinek schon immer. Ihr neues Stück, die Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns", wirkt über weite Strecken wie ein kabarettistischer Amoklauf.

Manisch kreisen die Textmassen - wie immer ohne Absatz und Rollenaufteilung - um einige Grundthemen. Das Geld macht Urlaub in der Karibik, auf den Inseln mit den Briefkastenfirmen. Es aalt sich in der Sonne und treibt Sport. Ein hübsches Bild, doch bei der zehnten Wiederholung verliert es an Charme. Regisseur Nicolas Stemann inszeniert bereits zum fünften Mal ein Stück der Nobelpreisträgerin. Er hat schon Schauspieler gezeigt, die über die Unspielbarkeit der Texte wüteten und verzweifelten,er hat aus den Wortstrudeln spielbare Blöcke heraus gehauen und mit großer Bilderfantasie angereichert. Das geschieht im Geiste der Autorin, die auch in den Regieanweisungen zum neuen Stück schreibt: "Der Text kann an jeder beliebigen Stelle anfangen und aufhören. Es ist egal, wie man ihn realisiert."

Doch dieses Angebot nimmt Stemann diesmal nicht an. Er hat vor einigen Wochen im Wiener Akademietheater bereits den Text als "Urlesung" auf die Bühne gebracht. Dieses Konzept führt er nun im Kölner Schauspielhaus fort. Die Schauspieler halten die Texte in der Hand und lesen, mal allein, mal im Sprechchor. Mal singen sie, mal brüllen sie durch ein Megaphon. Die Seitenzahl wird elektronisch angezeigt und läuft von 99 runter bis eins.

Dreieinhalb Stunden dauert der Abend ohne Pause, das Licht im Saal bleibt an, die Türen offen. Die Zuschauer können Pause machen, wann sie wollen. Das Konzept geht allerdings im Schauspielhaus nicht auf. Denn wer in der Mitte sitzt, muss sich durch die Reihe drängeln und stört die anderen. Manche gehen und kommen nicht wieder.

Vor allem der - ohne Übertreibung - stundenlange Chor der Greise geht an die Grenzen des Erträglichen. Auch wenn immer wieder musiziert wird, und Nicolas Stemann, der selbst auf der Bühne steht und den Abend moderiert und leitet, eine lustige Parodie auf "Verdamp lang her" von der Kölner Gruppe BAP singt. Der Energiepegel sinkt, die Krise wirkt ziemlich kuschelig, die Texte verschwimmen in der entspannten Atmosphäre einer Jelinek-Lounge. "Der Rest von uns ist Bank" singt das Ensemble im Choral, und Stemann fordert das Publikum zum Mitsingen auf.

Dann wird es im Zuschauerraum doch noch dunkel und auf der Bühne spannend. Stahlträger, die scheinbar ein Gerüst mit Bauschutt halten, fallen krachend herab. In einem großen Ballon erscheint das Gesicht der Schauspielerin Patrycia Ziolkowska per Videoprojektion. Sie sagt zwar immer noch dasselbe wie in den zweieinhalb Stunden zuvor, aber das Bild ist großartig.

Aus dem formlos, halb improvisiert dahin dümpelnden Abend wird ein garstiges Requiem. In Österreich hat ein Mann, der sein Geld in der Finanzkrise verloren hat, seine Familie mit der Axt erschlagen. Die Ökonomie hält die Seelen so fest in ihren Krallen, dass der Tod erträglicher scheint als Armut. Der Mörder schickt seine Liebsten auf den Weg des Geldes, ins Nichts. Die Livekamera (Claudia Lehmann) zeigt überlebensgroß die Gleise einer Spielzeugeisenbahn. Die Schauspieler legen ihre Köpfe darauf, die Kamera fährt auf sie zu.

Natürlich wäre die Aufführung besser, wenn Stemann die Hälfte weglassen würde. Doch das ist zu leicht gedacht. Denn es fasziniert, wie der Regisseur seine erfolgreiche bisherige Beschäftigung mit Jelineks Texten in Frage stellt, noch einmal ganz von vorne denkt, eine neue Form entwickelt, die den Zumutungen dieser Autorin gerecht wird. Elfriede Jelinek schreibt weiter, schickt Stemann Texte, die spontan in den Abend einfließen. Ohne dass die Schauspieler - darunter Maria Schrader und Sebastian Rudolph - sie auf einer Probe gelesen haben. Stemann bezeichnet sich und sein Team als Jelineks "schnelle theatrale Eingreiftruppe".

Das Stück ist inhaltlich dünn, es trägt nicht über so einen langen Abend. Aber die extrem offene Form ist spannend, jede Aufführung wird anders sein. Und wer von den ständigen Wiederholungen genug hat, kann ja Pause machen.

Schauspielhaus Köln: 24., 25. April, 8., 10., 30. Mai.

Autor:  STEFAN KEIM
Datum:  17 | 4 | 2009
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