Theater

15. Januar 2013

Schauspiel Köln: Ein kräftiges Ausrufezeichen

 Von Jessica Düster
Die Witwen von Troja.  Foto: KLAUS LEFEBVRE

„Die Troerinnen“ von Sartre nach Euripides: Karin Beiers letzte Premiere am Schauspiel Köln.

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Der Verlust von Heimat, Menschenrechten und Menschenwürde – die Missstände, die Euripides bereits mit seiner Uraufführung der „Troerinnen“ 415 v. Chr. anklagte und die Jean-Paul Sartre 1965 noch schärfer herausarbeitete, sind aktuell geblieben. Was Intendantin Karin Beier in ihrer letzten Premiere am Kölner Schauspiel hervorhebt, ist die Rolle der weiblichen Leidtragenden bei Kriegen.

Deren Los als „Beutestücke der Sieger“ erklärt Poseidon (Robert Dölle) bei seiner Kurzzusammenfassung des Trojanischen Krieges im Prolog. Der ist vorbei, die Witwen der Trojaner, angeführt von Königin Hekuba (Julia Wieninger), beweinen ihr kommendes Schicksal als Sklavinnen und Konkubinen und rufen vergeblich die Götter an. Die große Klage inszeniert Karin Beier in martialischen Choreografien und einem weiten, von schwarzer Lavaerde dominierten Bühnenraum.

Elemente der Dionysien und traditioneller asiatischer Theaterformen fließen ineinander, wenn sieben Schauspielerinnen in kimonoartigen Kostümen mit vorgehaltenen Masken altgriechische Gesänge anstimmen und von Operngongs begleitet werden.

Zentral ist der Konflikt zwischen Hekuba und ihrer Schwiegertochter Andromache (Lina Beckmann). Wo bei Euripides die Schicksalsgenossinnen einander ihr Leid klagen, wird der Dialog bei Karin Beier zur gegenseitigen Beschuldigung, zum Streit von grundsätzlichen Haltungen und zum fesselnden Duell zweier erstklassiger Schauspielerinnen. Während Hekuba für Pragmatismus plädiert und das Leid aller im Blick hat, beharrt Andromache auf ihrem persönlichen Schmerz.

Dieser wird in der heftigsten Szene des Abends noch verstärkt, als Andromaches Kind sterben soll. Wie Lina Beckmann dieses Mutterleid spielt, nur mit einem in Tücher geschlagenen Sandsack in den Armen, sendet sie Emotionswellen durch den Raum, die allen Beteiligten an die Substanz gehen. Im Publikum ist es totenstill, als plötzlich ein Klagechor aus über 60 Frauen hinter die Ränge tritt und den grausamen Höhepunkt mit anschwellendem Gesang auf die Spitze treibt.

Danach räumt die Regisseurin eine längere Atempause ein. Die Szenen mit König Menelaos (Yorck Dippe), der Politikerphrasen drischt und die Frage der Bestrafung seiner untreuen Frau (Angelika Richter) wie ein launiger Showmaster an die Zuschauer weitergibt, wirken grell nach der vorangegangenen Düsternis. Doch bei aller Komik bleibt der ernste Unterton, wenn Karin Beier in der Klärung von Helenas Schuld Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung an denen der Religion reibt. Denn der Himmel scheint leer über diesen Troerinnen; sie können nur an dem festhalten, was von ihrer Menschlichkeit übriggeblieben ist.

Mit diesen starken, wenn auch besiegten Frauen setzt Karin Beier ein kräftiges Ausrufezeichen hinter ihre Kölner Zeit. Sie fordert die Zuschauer, konfrontiert sie mit komplexen Zusammenhängen und schwerem Stoff und lädt diesen symbolisch wie thematisch maximal auf. Diese Fülle in weniger als zwei Stunden dennoch verständlich, zugänglich und einleuchtend zu vermitteln, ist ein Kunststück. Das großartige Ensemble, die physischen und psychischen Kämpfe, die archaische Wucht, der politische Impetus und der gestalterische Einfallsreichtum – auch das kennt man aus den Inszenierungen der scheidenden Intendantin. Hier fügt sich alles noch einmal zu einer Art Best-of zusammen.

Schauspiel Köln, 15., 16., 18. bis 20. Januar, www.schauspielkoeln.de

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