Wie ein Trachtenchor stehen sie auf der leeren Bühne. Die Besucher des Münchner Oktoberfestes singen leise, zart und mehrstimmig vom Alten Peter, der immer noch am Petersbergerl steht, von der Isar und vom Hofbräuhaus. Doch zum wohligen Ende, zur Beschwörung der Gemütlichkeit, die niemals ausstirbt, kommen sie nicht. Ständig stört jemand: Einer hustet, ein Teenager wehrt sich kreischend gegen die Grabschhände eines alten Lüstlings. Das unvollständige Volkslied zieht sich als Leitmotiv durch Karin Neuhäusers Inszenierung von "Kasimir und Karoline", dieser wehmütigen Geschichte um Liebe in Zeiten von Krise und Arbeitslosigkeit.
Ein ovales Gittergerüst mit verschieden farbigen Leuchtbahnen schwebt herab. Die Leute schauen nach oben, bewundern einen Zeppelin, Sensation und Sehnsuchtsobjekt Anfang der dreißiger Jahre, als Ödön von Horváth sein melancholisches Volksstück schrieb. Ganz langsam dreht sich die von Franz Lehr entworfene Bühne. Sie wird schneller, als die Schauspieler in einer Reihe sitzen und sich in die Kurven legen wie in einer Achterbahn. Wenn einer mit einem Hammer auf einen roten Punkt haut, blinken die Leuchtbahnen, und Stofftiere fallen aus dem Bühnenhimmel. Mit sparsamen, klar und ironisch eingesetzten Requisiten lässt Lehr einen Jahrmarkt entstehen, der die Atmosphäre von Horváths Text atmet, die innere Leere, die Existenzangst, die verzweifelte Lust am Rausch.
Kasimir wurde abgebaut, entlassen, sein Stolz ist verletzt. Er glaubt nicht mehr, dass seine Verlobte Karoline noch zu ihm halten wird. Denn in der Krise ist sich jeder selbst der Nächste, glaubt er, für Romantik ist da kein Platz. Doch es ist sein Verhalten, nicht seine Arbeitslosigkeit, die Karoline weg treibt. Bei "Hau den Lukas" hat er noch einen Teddybären für sie gewonnen. Als sie geht, trampelt sie dem Stofftier auf dem Gesicht herum. Der Teddy begleitet die beiden durch die Nacht, taucht mal bei ihr auf, mal bei ihm, wie ein ungeliebtes Kind, das man nicht los wird, die schmerzhafte Erinnerung an die Idee einer gemeinsamen Zukunft, an die niemand mehr glaubt.
Karin Neuhäuser, die ja selbst eine wunderbare Schauspielerin ist, inszeniert auch die kleinen Figuren doppelbödig, als Karikaturen mit wunden Herzen. Sogar die bürgerlichen Busengrabscher, der Kommerzienrat Rauch (Michael Schütze) und der Landgerichtsdirektor Speer (Winfried Küppers), tragen eine Verlorenheit in sich. Es ist eine uneingestandene Sehnsucht nach Nähe und Wärme, die sie dazu treibt, junge Mädchen zu kaufen oder einen braven, abstinenten Angestellten mit Schnaps zu foltern.
Die Regie übernimmt Horváths traurigen Blick auf die Menschen, die gut sein könnten und gemein sein müssen, weil sie sonst untergehen. Es sind die vielen liebevollen Kleinigkeiten, die berühren. Die Zigarette zum Beispiel, die Erna (Cathleen Baumann) für ihren Freund, den Kleinkriminellen Merkl Franz (Thiemo Schwarz) anzündet, wenn sein nächster Hustenanfall naht. Er hat Tuberkulose, Nikotin beruhigt ihn.
Geisterartig seine Gestalt wandelnd, stets in einem Reclamheft lesend, begleitet Christof Seeger-Zurmühlen das Treiben. Er ist Kellnerin und Wurstverkäufer, Sanitäter und Polizist, und als Ausrufer der Kuriositätenschau erinnert er besonders an eine surreale Figur aus einem David-Lynch-Film. Zwei Musiker begleiten den Abend mit verwehten Schlagern, Songs und Zirkusmusik, Balladen der Hoffnung, die stets mittendrin abbrechen.
Gegen Ende verlangsamt Karin Neuhäuser den Rhythmus des Abends, lässt die Leere schmerzhaft spürbar werden. Kasimir und Karoline finden nicht mehr zueinander, zu viel ist kaputt gegangen. Nadine Geyersbach spielt eine starke junge Frau, die ihre Chancen nutzen und leben will, auch wenn sie sich dafür verkaufen muss. Krumme, angeschlagene Typen wie Kasimir, die Seelentiefschläge ins Taumeln, aber nicht zum Fallen bringen, sind die Spezialität des Schauspielers Markus Scheumann. Verzweiflung zeigt er durch skurrile Komik, Überlebenskampf durch impulsiven Spielwitz.
Die Gegenwärtigkeit Horváths arbeitet Karin Neuhäuser mit subtiler Werktreue heraus. Sie will nun eine Inszenierungspause einlegen, ins neue Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters gehen und sich auf die Schauspielerei konzentrieren. Hoffentlich wird die Pause kurz, denn spätestens seit "Kasimir und Karoline" zählt Neuhäuser auch zu den bedeutenden Regisseurinnen.
Düsseldorf, Schauspielhaus., 27. März, 5., 7., 29 April.