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Schauspielhaus: Frankfurt summt

Frankfurt gehört wieder zu den Theaterstädten. Den Erfolg dieses Schauspiels machen zur Zeit vor allem drei Dinge aus: Die Rückkehr des Ensemblegedankens, die Größe und das Selbstbewusstsein. Von Peter Michalzik

Das Theater ist wieder mitten in der Stadt.
Das Theater ist wieder mitten in der Stadt.
Foto: Boeckheler

Manchmal kann man im Theater im Foyer einen merkwürdigen Ton hören. Meist ist es vor der Vorstellung, seltener in der Pause. Es handelt sich um eine Art Summen oder leises Brausen, das in der Luft liegt. Beobachtet man sich dabei selbst, stellt man fest, dass man auch etwas schneller und etwas lauter als gewöhnlich spricht. Man macht sogar geistreiche Bemerkungen, ohne zu wissen woher der Einfall einem zugeflogen ist. Es muss an dieser Erregung liegen, die auch das Foyer zum Summen bringt.

Frankfurt am Main hat jetzt wieder eines der Theater, wo man den Ton ab und an hören kann. Es ist der Ton gespannter, freudiger Erwartung. Es ist der Ton einer zufälligen Gemeinschaft, für die Theater wie ein Ort mentaler Erfrischung wirkt. So ist in Frankfurt in den vergangenen Monaten etwas passiert, das hier schon niemand mehr für möglich gehalten hätte: Das Theater ist wieder mitten in der Stadt.

Zahlen, die vor kurzem veröffentlicht wurden, sprechen für sich: Weit über 100 000 Zuschauer im ersten halben Jahr, es kommt jetzt ein gutes Viertel mehr Besucher ins Frankfurter Schauspiel als im vergangenen Jahr. Und man sieht hier Menschen, die man lange nicht oder noch nie hier sah. Schon Ende Februar kam der neue Intendant Oliver Reese strahlend auf einen zu und erzählte, dass die für diese Spielzeit prognostizierten Einnahmen bereits in der Kasse seien! Das Erstaunlichste aber ist, dass die Einnahmen im ersten Halbjahr genau 50 Prozent über denen der letzten Spielzeit liegen.

Frankfurt gehört also wieder zu den Theaterstädten. Innerhalb von ein paar Monaten ist geschehen, wonach sich die Stadt so lange gesehnt hat: Man spielt wieder Theater-Bundesliga. Von den großen Intendantenneustarts dieser Spielzeit, sieben insgesamt, darunter Wien, Berlin und Hamburg, ist Frankfurt einer der besten, sicher ist es der geglückteste.

Das Ensemble und die Mannschaft um Oliver Reese hatte vergleichsweise leichtes Spiel in einer erwartungsfrohen Stadt. Aber sie haben eben auch etwas daraus gemacht. Wenn man ein Stadttheater schnitzen wollte, wenn man ein Modell des Stadttheaters im Jahr 2010 suchte, dann könnte man inzwischen nach Frankfurt gehen. Mehr, man sollte genau hierhin schauen. Es ist wirklich ein exemplarisches Stadttheater, das Oliver Reese leitet. Und genau das ist auch der Schlüssel zum Erfolg, trotz allem Gerede vom Wegbrechen des Bürgertums.

Den Erfolg dieses Theaters machen zur Zeit vor allem drei Dinge aus. Da ist, vor allem, die Rückkehr des Ensemblegedankens. Es gibt nur wenige Stars in der großartig aufeinander abgestimmten Frankfurter Schauspielertruppe. Diese Gruppe ist wie ein vielgliedriges Chamäleon, alt und jung, altmodisch und modern, bunt und grau, bisher konnte sie noch den Geschmack jedes Stückes fühlbar machen. Schon das ist Kunst.

Auch für große Rollen wurden und werden in der nächsten Spielzeit keine Stars verpflichtet. Sogar René Pollesch wird nur mit dem Ensemble arbeiten. Dann können diese Schauspieler auch mit der Großen Bühne umgehen, sie können miteinander spielen, sie finden sich in verschiedenen Regiesprachen und Theaterstilen zurecht. Sie sind in der Stadt bekannt und sie mögen die Stadt, kein einziger geht zur nächsten Spielzeit weg. Ist also schon so etwas wie eine Liebesbeziehung entstanden?

Zweitens hat sich das Theater, in Frankfurt gern unterschätzt, voll auf den schwierigen Raum eingelassen. Das breite Große Haus, von vielen gefürchtet, wird von "Ödipus/Antigone" bis "Lulu" souverän bespielt. "Davor habe ich überhaupt keine Angst mehr", sagt Reese. Mittlerweile meint er sogar: "Es ist das schönste Theater Deutschlands." Macht doch mal die Bühne auf, denkt er, wenn er im Deutschen Theater in Berlin oder im Hamburger Thalia sitzt, typischen Guckkastenbühnen.

Überhaupt hat das Schauspiel Frankfurt selbstbewusst geklotzt. Ein 40-Mann-Chor war genauso wie ein riesiger Leichenberg auf der Bühne, es war manchmal wie in der Oper. Aber auch das Kammerspiel wie bei "Phädra" funktionierte. Jeder Raum, neben dem Großen Haus und den Kammerspielen auch das Foyer, das Bockenheimer Depot, die Box wurde umgebaut.

"Es war wirklich ein totaler Neuanfang", sagt Reese, der dabei gar nicht so wirkt, als sei das ein riesiger Kraftakt gewesen. "Wir haben einfach Powerplay gemacht", sagt er.

Drittens ist Reese vollkommen offen auf die Stadt zugegangen. Er nimmt fast jede Einladung an, repräsentiert das Theater, wo es geht. Die Schauspieler gehen zu einem Abend bei Metzlers und treffen in einem Zelt, in dem auch schon die Kanzlerin war, 300 Gäste. Andere mieten gleich eine ganze Aufführung und spenden hinterher auch noch großzügig. Auf der anderen Seite lädt dafür Daniel Cohn-Bendit zum Gespräch ins Schauspiel.

Und wie geht es weiter? Wenn es irgend etwas gibt, das dieses blendend funktionierende Theater bedroht, dann ist es ein gewisser Hang zur Musterschülerhaftigkeit. Dass in Frankfurt zur Zeit das Theater ästhetisch neu erfunden würde, wird niemand behaupten wollen. Das will ja auch niemand. Aber eine Öffnung, ein wenig mehr Wagnis, würde dem Erfolg in Zukunft sicher auch nicht im Weg stehen.

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  14 | 5 | 2010
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