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Schauspielhaus Köln: Theater statt Neubau

Alles fing damit an, dass die Stadt jahrzehntelang die beiden Spielstätten ihrer Bühnen verrotten ließ. So etwas rächt sich. Doch nach dem Streit um Abrisspläne stimmt Kölns Stadtrat für eine große Sanierung. Von Stefan Keim

Das historische Gebäude des Schauspiel Kölns soll nach Willen der Kölner nicht abgerissen werden.
Das historische Gebäude des Schauspiel Kölns soll nach Willen der Kölner nicht abgerissen werden.
Foto: dpa

Ein Bürgerbündnis besiegt die Stadtverwaltung. Das Kölner Schauspielhaus wird nicht abgerissen, sondern saniert. Das hat der Stadtrat nun beschlossen, unter dem Druck eines nahenden Bürgerentscheids. 50.000 Unterschriften wurden gesammelt gegen den ursprünglichen Plan für einen Neubau des Theaters. Die Zukunft der Bühnen war monatelang Stadtgespräch, die Geschichte des Bauvorhabens ist lang, komplex, aufregend und eine weitere Folge der kulturpolitischen Endlos-Soap "Chaos in Kölle". Diesmal eine mit Happy-End.

Alles fing damit an, dass die Stadt jahrzehntelang die beiden Spielstätten ihrer Bühnen verrotten ließ. So etwas rächt sich, wie man auch im nahen Wuppertal sieht. Aber weil Politiker selten über die Legislaturperiode hinaus denken, ließen sie es laufen. Nun ging es nicht mehr. Oper und Schauspiel mussten - und müssen immer noch - saniert werden.

Von da an flogen wilde Ideen durch die Stadt, sogar die Umwandlung der Oper in ein Luxushotel und komplette Neubauten an anderen Orten waren lange im Gespräch. Zuerst fiel die Entscheidung: Die Bühnen bleiben an ihrem angestammten Ort am Offenbachplatz, fünf Gehminuten vom Dom, im Herzen der Stadt. Doch so richtig gelungen wirkt das Bauensemble nicht, das Schauspielhaus steht zurückgesetzt hinter der Oper, wie ein etwas ungeliebtes Anhängsel. Außerdem sind Probenräume und Werkstätten über die ganze Stadt verteilt, dadurch geht viel Zeit durch Fahrerei verloren. Diese Räume kosten zudem Miete.

So war es zunächst einmal keine üble Idee, an einen Neubau zu denken. Zunächst sollte auch das Opernhaus abgerissen werden, aber da viele Architekturexperten es als ein Hauptwerk der Nachkriegsmoderne sehen, entschied sich die Stadt für eine Sanierung. Nun konzentrierte sich die Debatte auf das Schauspielhaus. Ein Kölner Architektenbüro gewann den Wettbewerb, das neue Haus sollte nach vorne rücken und auf sieben Etagen das große Haus, eine Studiobühne und die Kinderoper übereinander stapeln. Ebenso Werkstätten und Probenräume, alles unter einem Dach.

Doch dann kam die Finanzkrise. Neubauten werden ja gern mal teurer als geplant, wie das Horrorbeispiel Hamburger Elbphilharmonie gerade illustriert. Der Kölner Stadtrat beschloss eine Deckelung der Kosten, auf 295 Millionen Euro. Zwar sollte das ganze Projekt ursprünglich bloß 234 Millionen umfassen, aber die Zahlen sind von 2008 und damit längst feuchter Staub von vorgestern. So ist das seltsamerweise fast immer bei der Kalkulation öffentlicher Bauten. Mit dem neuen, bereits um 60 Millionen Euro erhöhten Finanzvolumen waren plötzlich schmerzhafte Kompromisse nötig. So konnten Werkstätten und Probenräume nun doch nicht integriert werden. Außerdem kündigte die Stadt an, den Zuschuss für die Bühnen um 6,3 Millionen Euro kürzen zu wollen.

Dagegen protestiert die Schauspielintendantin Karin Beier. Unter ihrer Leitung wurde das Schauspiel jedes Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen, diesmal mit drei Inszenierungen. "Eben diese Produktionen wären dann nicht mehr machbar", sagt Beier. Das Bühnenbild für Katie Mitchells Inszenierung von Franz Xaver Kroetz´ "Wunschkonzert" war ebenso teuer wie die Aufführungen des Performanceduos Signa. "Solche Qualitätsspitzen würden abgeschnitten." Nach Berechnungen des Bürgerbündnisses würde eine Sanierung 45 Millionen Euro billiger. Ob dieses Geld allerdings nun wieder ins Theater fließt, ist fraglich. Kulturpolitiker denken in "Töpfen". Geld für Bauen und Geld für Kultur hat für sie nichts miteinander zu tun.

Eine große Bewegung formierte sich. "Ihr seid Künstler und wir nicht", schallte als Spottlied auf die Stadtverwaltung allerorten. Beim Karnevalsumzug, auf einem eigenen Themenwagen, sogar im Fußballstadion des 1. FC Köln. "Schon bald habt ihr uns beigebracht, wie man aus Geld Scheiße macht." Die Angegriffenen rückten zusammen, Intrigen, üble Nachrede, Verdächtigungen machten die Runde - Köln war mal wieder in seinem Element. Doch am Ende siegte nicht die mächtige Männergesellschaft, sondern die Bewegung von unten. 50000 Unterschriften - mehr als doppelt so viel wie nötig - für einen Bürgerentscheid ließen sich nicht einfach wegwischen.

Die Grünen, starker Koalitionspartner der regierenden SPD, fielen um, die Mehrheit für den Neubau war weg. Bis zuletzt klammerten sich die Stadtoberen an ihr sinkendes Floß, die SPD nannte das Ergebnis ein "sehr bedauerliches Misstrauensvotum einer merkwürdigen Allianz gegen die demokratische Entscheidungsfähigkeit der Kölner Bevölkerung". Anders formuliert: Wenn wir verlieren, ist das nicht demokratisch.

Es ging nicht nur ums Schauspielhaus. Die Kölner zeigen, wie eine Stadtgesellschaft funktionieren kann. Ähnliche Tendenzen gibt es in anderen Kommunen, in Wuppertal, im Ruhrgebiet, wo Sparbeschlüsse Kultur bedrohen. Ohne dass sich durch die Abschaffung von Theatern oder Museen etwas an der Notlage ändern würde. In Köln stürzen nicht nur Archive ein, nun strahlt aus der Chaos-Stadt ein Signal der Hoffnung: Es ist möglich, Politiker zu zwingen, keinen Mist zu bauen.

Autor:  Stefan Keim
Datum:  15 | 4 | 2010
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