Ein französischer Diplomat, seit einem Erweckungserlebnis tief verwurzelt im katholischen Glauben, schrieb Theaterstücke und Bibelauslegungen: Paul Claudel ist eine ungewöhnliche Erscheinung und schien vergessen, bis Stefan Bachmann das die normalen Grenzen von Bühnenzeit und -raum sprengende Hauptwerk "Der seidene Schuh" mit spektakulären Bildern auf die Bühne brachte. Claudel ließ sich zwar - vor allem von Regisseur Jean-Louis Barrault - theaterpraktisch beraten. Aber seine Fantasie pulverisierte alle Konvention. Claudel suchte nach dem passenden Ausdruck für sein Lebensthema (er starb 1955), die Diskussion christlicher Werte, die Erkundung der sündhaften Natur des Menschen und die Möglichkeit seiner Rettung.
Der Regisseur Christof Loy beschäftigt sich gern mit großen Themen und - wie Theologen oft sagen - "letzten Fragen". Auf der Opernbühne der Salzburger Festspiele hat er Händels "Theodora" inszeniert, über eine Frau, die lieber stirbt, als ihren Glauben zu verraten. Man hätte sie als christliche Fanatikerin deuten können, aber Loy liebt die Zwischentöne, die Facetten der Farbe Grau, Seelenexegesen in reduzierten Bühnenbildern. Manchmal gelingen ihm damit - wie in Charpentiers "Louise" an der Rheinoper - große Abende, gelegentlich - wie bei der "Theodora" - wird das ziemlich mühsam. Nun ist er zum Schauspiel zurückgekehrt und zeigt in Zürich eine klare, genau reflektierte Auseinandersetzung mit Paul Claudel: "Der Tausch".
Marthe könnte eine Verwandte Theodoras sein. Die Ehe ist für sie ein Sakrament, ihre Aufgabe das Dienen, als "bittersüß" bezeichnet sie sich oft, wohl wissend, dass es nicht immer ein Vergnügen ist, mir ihr zusammenzuleben. Sie stellt hohe Anforderungen an ihren Gatten, am liebsten würde sie mit ihm zu einer Einheit verschmelzen. Warum diese tief im Glauben verwurzelte Frau einen jüngeren Amerikaner geheiratet hat, der auch gedanklich aus einer anderen Welt stammt, ist ein Mysterium. Nun begegnen die beiden einem anderen Paar. Thomas ist reich und bewertet Menschen und Dinge ausschließlich nach dem Wert des Geldes. Er reist mit seiner Geliebten Lechy durch die Welt, einer Schauspielerin, die sich darin gefällt, viele Frauen zu sein und alles zu spielen.
Das ist natürlich - wie vieles bei Claudel - hochgradig metaphorisch. Thomas will Marthe verführen, nicht weil er sie so wahnsinnig begehrte, sondern weil er ihr Weltbild erschüttern und seines bestätigt sehen will. Weil er sie nicht kaufen kann, versucht er´s beim Ehemann. Und hat Erfolg, Louis steckt in Geldnöten, nimmt die Dollars, macht den Weg frei zu Marthe. Aber die spielt nicht mit.
Die Versuchsanordnung
"Der Tausch" ist aus Opernsicht eine Variante von Mozarts "Così fan tutte", aber ohne jede komödiantische Leichtigkeit. Es geht um den Kampf alter Werte gegen den modernen Relativismus, um die Katholikin und den Kapitalisten. Claudel meidet Klischees, macht vor allem keine Propaganda für eine bestimmte Sichtweise. Alle vier Charaktere seien er selbst, hat er einmal gesagt.
Loy hat aus Sätzen des Stückes einen Prolog collagiert, der das Publikum von seinen Vorurteilen und Erwartungen reinigen soll. Die vier sprechen die gleichen Sätze mit wechselnden Partnern, reißen Situationen an und sind Sekunden später wieder woanders. Wer hier wen verkörpert, wird erst später deutlich. Zumal Klara Manzel als Marthe nicht züchtig gekleidet ist, sondern in einem modischen Kleid mit Glitzerträgern ebenso attraktiv wie Schauspielerin Lechy. Nadine Geyersbach spielt diese junge Frau überraschend schwermütig. Nur im Spiel mit den anderen gibt sie sich lebensfroh, verführerisch. Sonst sitzt sie am Rand der leeren Bühne und starrt mürrisch die Wand an.
Wenn das Publikum die Box des Züricher Schiffbaus betritt, sitzt das Ensemble schon da. Während der anderthalbstündigen Aufführung geht nie jemand ab, was den Charakter einer emotionalen Versuchsanordnung betont. Jirka Zett, als Konstantin in Jürgen Goschs "Möwe" unvergesslich, spielt Louis, Marthes jüngeren Ehemann, der gerade erst erwachsen wird. Er macht sich Zukunftssorgen und fliegt gleich aus der Bahn, als der coole Geschäftsmann ihm bescheinigt, zu nichts nütze zu sein. So lässt er sich auf den verhängnisvollen Deal ein. Jan Bluthardt lässt sich als Thomas nie in die Karten schauen. Man ahnt nur, dass ihn Marthe verunsichert und er mit dem unmoralischen Angebot seine Weltsicht bestätigen will.
Herbert Meier hat in seiner neuen Übersetzung einige heute pathetisch-verschroben klingende Passagen aktualisiert. Trotzdem ist "Der Tausch" sperrig. Doch wenn sich Theatermacher so beharrlich behutsam darauf einlassen wie Loy und die ausgezeichneten Schauspieler, tritt der zeitlose Kern hervor. Hier hat niemand einfach Recht, weder die Katholikin noch der Kapitalist, und die anderen schon gar nicht. Aber mit einer klaren moralischen Orientierung fällt vieles leichter, und es gibt zumindest eine Hoffnung auf Glück. Zumindest zeitweise, zumindest bittersüß. Auch wenn das Stück sehr bitter endet.
Schauspielhaus Zürich, Box Schiffbau: 28., 30. Januar 2010, 2., 4., 7., 9., 10., 24., 25., 27., 28. Februar. www.schauspielhaus.ch