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Theater

29. Oktober 2012

Schlosstheater: Auch Pudel können fliegen

 Von Irene Bazinger
Gustav Peter Wöhler ist der neue kleine König Dezember.Foto: dpa

Das Schlosspark-Theater zeigt ein bisschen verspätet „Der kleine König Dezember“ - ohne Dirk Bach. Nach dem Tod des Entertainers bot sich Gustav Peter Wöhler als Ersatz an und rettete die Aufführung, vielleicht auch das ganze Schlosstheater.

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Das Schlosspark-Theater zeigt ein bisschen verspätet „Der kleine König Dezember“ - ohne Dirk Bach. Nach dem Tod des Entertainers bot sich Gustav Peter Wöhler als Ersatz an und rettete die Aufführung, vielleicht auch das ganze Schlosstheater.

Berlin –  

Er war da! Nicht lebendig natürlich, denn der Schauspieler, Moderator und Comedian Dirk Bach ist bekanntlich mit 51 Jahren am 1. Oktober verstorben. Aber auf der Leinwand war er zu betrachten – als Zwerg im Wald, als vergnügtes Knudelchen in einem Düsenjäger aus Zeitungspapier und auch als gute Fee mit Rauschekleid und langen, silbernen Haaren.

Kaum tauchte er auf, gab es spontanen Applaus im Schlosspark-Theater. Gekommen waren Gesine Cukrowski und Ursela Monn, Otto Sander und Peter Kremer, viele andere prominente und weniger bekannte Menschen. Die eine Hälfte des Publikums sah aus, als arbeite sie beim Fernsehen, und die andere, als würde sie das gern tun. Dirk Bach allerdings hatte es immer wieder aus dem Studio und dem Dschungel(camp) zur Bühne gezogen, wie zuletzt nach Steglitz.

Nichts stimmt, doch passt es

In der Regie von Lorenz Christian Köhler übernahm er dort die Titelrolle in Axel Hackes „Der kleine König Dezember“. In diesem 1993 erschienen Buch hebt ein winziges Wesen im Dialog mit einem typischen „Insbürogeher“ die Welt aus den Angeln und stellt unsere alltägliche Wirklichkeit pfiffig in Frage. Dieser kleine König ist fett, frech und helle. Er besteht auf der Realität der Träume und der Macht der Phantasie.

Dirk Bach hätte all das schräg und schrill und dabei ein bisschen melancholisch spielen können. Sein Tod brachte Dieter Hallervordens bescheidenes Privattheater in Existenznöte: Vorstellungen mussten abgesagt, neue Plakate und Programmhefte gedruckt, ein anderer Darsteller gefunden werden. Dann bot sich Gustav Peter Wöhler an, lernte in vierzehn Tagen Bachs Rolle – und rettete die Aufführung und damit vielleicht das Schlosspark-Theater.

„Der kleine König Dezember“ ist eine Kooperation mit der Drehbühne Berlin, die eine eigene Dramatisierung angefertigt hat. Die Inszenierung bezieht ihren Charme aus der verblüffenden räumlichen Lösung von Jeannine Cleemen und Moritz Weisskopf, die es erlaubt, die komplizierten Größenverhältnisse der Vorlage auf die Bühne zu übertragen. Denn alles muss ja den gerade einmal zeigefingerlangen König überragen, seien es die Teetasse, die Bücher, der Schreibtisch. Dies geschieht hier durch Filmprojektionen, die erstaunlich bruchlos in die realen Szenen auf der Bühne übergehen.

So erscheint der Mann in der Wohnung wie ein Riese, während der König in einer Schublade verschwinden kann oder einen normalen Farbstift als Baumstamm empfindet. Ein Pudel kriegt Flügel und fliegt bellend durch die Luft, ein Ruderboot hat Räder und wird mit einem Löffel bewegt. Nichts stimmt, doch alles passt bestens zueinander, ergänzt und überhöht sich.

Greint wie ein Hosenmatz

Matthias Freihof spielt den anfangs lebensmüden, durch den König aufgeweckten und ermunterten großen, grauen Mann. Ohne Scheu vor Risiken und Nebenwirkungen lässt er ihn bald von den vertrauten Pfaden abweichen und Ausflüge in die Grenzenlosigkeiten seiner Kindheit ausprobieren. Gustav Peter Wöhler wiederum meistert die Partie des Königs nicht bloß sehr solide, sondern vor allem mit viel Herz und Schmerz. Er greint wie ein Hosenmatz, blickt herrlich genervt um sich, wenn ihm langweilig ist, oder kichert wie ein Zauberlehrling, wenn ihm eine neue kreative Volte gelungen ist.

Dass die Aufführung trotz der zwei inbrünstigen Darsteller nur mäßig überzeugt, liegt an dem zähen Stück, das Regisseur Köhler allzu hausbacken entwickelt. Mag sich Axel Hacke beim Schreiben auch mitunter an Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ erinnert haben, darf man das im Schlosspark-Theater keinen Moment lang tun, weil der Unterschied verheerend ist. Kann sein, dass Dirk Bach den Abend mit seiner grellen, kessen Verrücktheit auf Touren gebracht hätte – jetzt freilich fehlt sie an allen Ecken und Enden.

Nächste Vorstellungen

30./31. 10.,

19.-23. 11.,

30. 11.,

1.-4. 12.,

19.-22. 12.

Tel. 78 95 66 71 00

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