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Theater

07. März 2016

She She Pop „50 Grades of Shame“: Friede dem Bindegewebe

 Von K. Erik Franzen
„50 Grades of Shame“ mit She She Pop an den Münchner Kammerspielen: Körperteile, per Video extrahiert und gemixt.  Foto: Judith Buss

Und die Herrlichkeit des Po-Lochs: She She Pops „50 Grades of Shame“ an den Münchner Kammerspielen ist ein Spektakel unserer Schamgefühle, zusammengesetzt aus Wedekind, E. L. James und eigenen Erfahrungen.

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Was ist verboten?“, fragt eine Stimme aus dem Bühnenhintergrund zu Beginn des Stücks. „Sich etwas Lebendiges einzuführen“ antwortet eine andere. „Ohne Kinder auf den Spielplatz zu gehen“ ergänzt lapidar eine weitere. „In der WG Sex haben und die Tür offen stehen lassen.“ Und so fort. Dann geht das Licht an.

„Lass uns über Sex reden“ propagierte die Band Blumfeld vor Jahrzehnten – mit der Betonung auf Reden. Beim Performance-Kollektiv „She She Pop“ liegt die Betonung auf Spielen. Das erkennt man schon am Programmzettel. Aus dem Erotik-Bestseller „50 Shades of Grey“ machen sie in ihrer Uraufführung an den Münchner Kammerspielen „50 Grades of Shame“. Aus einem Versprecher wurde ein Konzept. Wobei die Geschichte von E. L. James über Ana Steele und Christian Grey nicht nacherzählt, höchstens angerissen wird. Mehr Material entnimmt die Theater-Combo der Kindertragödie „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind, um an ihm an diesem fast zweistündigen, überwältigenden Abend die Abstufungen von Scham in Zeiten der durchsexualisierten Gesellschaft zu untersuchen.

Wo die Erziehungsberechtigten bei Wedekind scheitern, feiert die Pädagogengruppe „She She Pop“ ein Fest der Aufklärung: an und in der ewigen Auseinandersetzung zwischen dem eigenen Körper und den Normierungs-Ansprüchen der anderen. Eine Erziehungsanstalt wird installiert, deren Lehrkörper irgendwo zwischen „Predigt, Darkroom, Rollenspiel und Frontalunterricht“ agiert. Ein flirrendes Spektakel.

Stadttheater meets freie Szene: Vier Schauspieler der Kammerspiele treffen auf drei Mitglieder von „She She Pop“ und eine 16-jährige Teenagerin. In vierzehn Lektionen montieren sie einen ebenso wilden wie klugen Trimm-Dich-Pfad der Introspektion und Inspektion des Ich. Lessons of love and shame. Improvisiertes folgt manchmal chaotisch auf einstudierte oder eingelesene Szenen, Figuren und Themen aus „Frühlings Erwachen“ blitzen auf und verschwinden wieder.

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Herrschaftsfreies Reden über das Muttersein, über Kleiderordnungen, über One-Night-Stands, den richtigen Mann, das Aufgeklärt-Werden und die Herrlichkeit des Po-Lochs: Wedekind, E. L. James und eigene Erfahrungen wüst verzurrt und getragen von einem mächtigen, nahezu unheimlichen Bildorchester.

Vorbild Klapp-Sach-Bilderbuch: Wo dort mit Hilfe von Um- und Aufklappseiten, Schiebe- und Ziehelementen Gesichter, Haar- und Hautfarbe gewechselt werden können, wo Personen sich mit Schiebeschienen an- und ausziehen lassen, vertraut man hier voll und ganz der Video- und Computertechnik (Benjamin Krieg). So viel Körper(de-)konstruktion war nie. Live aufgenommene Köpfe, bekleidete und unbekleidete Ober- und Unterkörperteile der verschiedenen Protagonisten werden extrahiert, durcheinandergemixt und dann vor schwarzem Hintergrund auf überlebensgroßen Leinwänden in ein Video-Porträt zusammengeführt.

Dieses Panoptikum der Körper-Wechselbilder erschüttert, macht Angst, bringt einen zum Staunen und Lachen. Wirre Fantasy-Wesen erwachen zum Leben, wenn etwa zwei auf dem Rücken liegende Oberkörper an der Taille miteinander verschmelzen oder wenn zwei Finger einer übergroß projizierten Hand einen Unterkörper darstellen.

Diese Living-Stills, visuelle Explosionen unseres Inneren, geben einen Einblick in das, was zwischen Himmel und Erde, zwischen Körpern gleich welchen Geschlechts vorstellbar ist. Brüche und Abgründe unserer Schamwelten werden ausgestellt – und verstärkt durch die peinlich-trashigen Kostümanordnungen (Lea Søvsø). Auf diesem irrsinnigen Laufsteg unserer Gefühle und Fantasien, der das Gegenteil von Heidi Klums Topmodel-Höllenritt der Äußerlichkeiten ist, entsteht ein großartiger, humorvoller Dada-Reigen gegen den Wahnsinn der rigiden Körperansprüche und der Selbstoptimierung.

Dieser Abend von „She She Pop“ wirkt zu Hause nach. Vor dem Spiegel stehend fragt man sich entgeistert und fröhlich zugleich: Das bin ich? Und wenn ja, wieso? Echt Porno, Dicker. Friede dem Bindegewebe.

Kammerspiele München: 12., 16. März, 22., 27. April. www.muenchner-kammerspiele.de

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