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Theater

21. Oktober 2012

Skandal um Theaterlesung in Weimar: Breiviks Rede auf der Bühne

 Von Dirk Pilz
Sascha Ö. Soydan spricht „Breiviks Erklärung“.Foto: dpa

In Weimar wird die Rede des Massenmörders Breivik auf der Bühne verlesen. Ein Lehrstück über Politik.

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Vergangenes Wochenende ist es in Weimar zu einem Skandal gekommen. Das ist schön, denn solchen Skandalen ist zu danken, dass mit ihnen kenntlich wird, was man Zeitgeist nennt, nämlich die unausgesprochenen Übereinkünfte, die eine Zeit mit ihren Genossen teilt.

Der Regisseur Milo Rau hat am Nationaltheater Weimar einen szenischen Kongress unter dem Titel „Power and Dissent“ kuratiert. In Vorträgen und Gesprächen ging es um die Frage, wie sich staatliche Macht manifestiert, wie sich Kunst und Dissidenz zueinander verhalten und was es heute heißt, politische Strategien in der Ästhetik zu verfolgen. Ein Schwerpunkt bildete der Große Terror unter Stalin in Russland und die jüngsten Prozesse gegen die Punk-Band Pussy Riot. In diesem Rahmen kam es auch zur Uraufführung von „Breiviks Erklärung“, einer Theaterlesung jener Rede des 77-fachen Mörders Anders B. Breivik, die er am 17. April 2012 vor dem Osloer Gericht gehalten hat. In Weimar sprach die Schauspielerin Sascha Ö. Soydan den Text, eine zweite Aufführung findet am Wochenende in Berlin statt.

Ein Kommunikationsloch

Einen Tag vor der Erstaufführung von „Breiviks Erklärung“ entschied sich das Deutsche Nationaltheater Weimar, diesen Abend nicht im Theater stattfinden zu lassen. Man wolle sich von den Aussagen Breiviks „distanzieren“. Der geschäftsführende Direktor und Interimsintendant Thomas Schmidt erklärte mir am Telefon, er hätte nicht gewusst, dass Milo Rau den Breivik-Text auf die Bühne bringe; die Konferenz sei unter dem Titel „Moskauer Prozesse“ angekündigt gewesen. Das ist richtig, denn das Weimarer Wochenende gehört zu einem größeren szenisch-wissenschaftlichen Unterfangen, das in Moskau und Bern fortgeführt wird. Das Vorhaben jedoch, „Breiviks Erklärung“ am ersten Konferenztag im E-Werk, der Außenspielstätte des Nationaltheaters, zu zeigen, ist seit Monaten bekannt. Milo Rau hat vor vier Wochen im Interview mit dieser Zeitung ausführlich darüber Auskunft gegeben. Darauf angesprochen, sagte Schmidt am Telefon, es hätte ein „Kommunikationsloch“ im Haus gegeben.

Das ist entweder schlecht gelogen oder Eingeständnis von Ahnungslosigkeit über den Spielplan am eigenen Haus. Putzig. Skandalös ist aber, dass dieser Interimsleiter glaubt, über einen Theaterabend urteilen zu können, ohne auch nur eine Probe oder die Premiere gesehen zu haben. Dass er den Text schon für das Theater hält. Die Ahnungslosigkeit paart sich hier mit der Angst vor der Kraft, die Breiviks Text auf einer Bühne gewinnen und die Debatte, die das Theater auslösen kann. Nicht von Breivik distanziert man sich damit, sondern von der Kunst.

Das ist eine Praxis, die den Älteren in Weimar aus dem vergangenen Jahrhundert bekannt ist: Sie entstammt einer Ideologie, die zu wissen vorgibt, wie gelungene Kunst zu sein und was sie zu dürfen hat. Aus einer Zeit, die nichts so sehr fürchtete wie ergebnisoffene Debatten über ihre politischen Voraussetzungen.

Kritische Distanz herstellen

Und genau dies geschieht mit „Breiviks Erklärung“. Kurzfristig verlegt in ein benachbartes Kino war Soydan an einem Pult vor einer Lamellenwand zu erleben, wie sie betont sachlich, mit Pausen, Wasserflasche und Kaugummi im Mund, Breiviks Rede verlas. Eine Kamera nahm sie auf, die Leinwand neben ihr zeigte das Gesicht in Großaufnahme. Alles ist überdeutlich darauf angelegt, dass es zu keiner Verwechslung von Soydan mit Breivik kommt. Der Massenmörder wird nicht dämonisiert und nicht erklärt. Dieser Abend nimmt Breivik – anders als vielfach in den Medien – auch nicht als Symptom für eine politische Stimmungslage. Milo Rau stellt nur den Text aus. Aber was heißt schon nur.

Es ist in ihm vom „Mulitkulturalismus als Hass-Ideologie“ die Rede, von „indigenen Ureinwohnern“, die durch das „mulitkulturelle Projekt in Europa“ verdrängt würden, ohne dass die Menschen gefragt wurden. Breivik spricht vom „verlorenen Glauben an die Demokratie“ und dem Verlust der Meinungsfreiheit.

Rasch erkennt man, dass die Argumente des Textes ein geschlossenes Denksystem bedienen, das einer strengen rassistischen Logik folgt. Vieles ist faktisch falsch, vieles verdreht. Aber erst durch diese Theaterlesung wird hörbar, dass der Text ressentimentgeladene Elemente zu einem Konvolut kombiniert, das auf große Zustimmung spekuliert – der Topos von der „Fremdheit im eigenen Land“ etwa ist weit verbreitet, die Rede vom Glaubensverlust an die Demokratie fast Allgemeingut. Erst die Verlegung der Rede auf die Bühne ermöglicht es, zu diesen bekannten Befunden kritische Distanz herzustellen.

Die gewöhnlichste Täuschung

Es ist folglich, als wende Rau auf das Theater an, was Hegel als die „gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer“ bezeichnet hat, nämlich „beim Erkennen etwas als bekannt voraus zu setzen, und es sich ebenso gefallen zu lassen“. Milo Rau nimmt den Text Breiviks ernst, nicht, um Breivik, den Menschen, besser zu verstehen, sondern um die Worte Breiviks vom medialen Breivik-Bild zu lösen und so der Kritik zuzuführen. Um zur Widerrede, also zum Denken herauszufordern. Das ist Provokation im Wortsinne: Herausforderung zum Einspruch, zur politischen Auseinandersetzung. Man wird Ideologien wie jene von Breivik nicht los, indem man ihre Anhänger zu Wahnsinnigen erklärt. „Man kann nur dann etwas abarbeiten, wenn man es auch benutzt“, hat Christoph Schlingensief gesagt. Das ist auch Milo Raus Strategie, oder Hoffnung: Abarbeiten durch Auseinandersetzung.

Deshalb ist der Kontext dieser Lesung wichtig, die Konferenz. So gewinnt der Abend noch an Sprengkraft. Sie erforschte, wie Politik Ordnungen stiftet, sei’s durch Gewalt oder durch Gesetz. Der russische Philosoph Michail Ryklin sprach etwa davon, dass das System Putin die Fortsetzung des Systems Stalin mit anderen Mitteln sei. Der Sozialpsychologe Harald Welzer wies darauf hin, dass Gewalt Ordnung schafft. Wer sie als Ausgeburt von Verrückten begreift, nicht den historischen Referenzraum einzelner Taten und Texte beachtet, hat ihren politischen Kern verfehlt. Ihre Gefahren, ihre Attraktivität. Das hieße Moral mit Politik zu verwechseln.

Für diese zeitgeistige Verkleinerung des Politischen, die Verwechslung von Moral und Politik, ist der Fall Breivik beispielhaft. Und das macht Breivik gefährlich. Das Theater hat in Weimar deshalb getan, was nur Kunst kann: dem Zeitgeist den Boden unter den Füßen weggezogen. Vielen Dank.

Breiviks Erklärung, 27. Oktober, Theaterdiscounter, T.: 030 - 28 09 30 62

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