Der Eigenheimbauer weiß, diese Steine sind gut. Im Hof der behutsam sanierten und soeben unter der neuen künstlerischen Leitung von Franziska Werner wiedereröffneten Sophiensæle stehen noch originalverpackte Paletten: durchlochte Markenziegel mit guter Tragfähigkeit bei geringem Eigengewicht und verminderter Wärmeleitfähigkeit. Aber schon bei der verunglückten Eröffnungsinszenierung stürzt eine mit diesen Lochziegeln gemauerte Wand krachend ein. Man hat den Mörtel weggelassen.
Die beiden Texte aufspürenden, ausforschenden, zum Leben erweckenden Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein − einen Bühnenbildner gibt es nicht − lassen Anton Tschechows „Kirschgarten“ im leeren Raum beginnen. Kaum dass das Publikum auf der neuen Podesterie Platz genommen hat, beginnt das 14-köpfige Ensemble den neuen Sophiensæle-Boden mit Schalhölzern (ebenfalls Markenware) auszulegen und dann jene Lochziegel-Mauer zu errichten. Bis hierhin funktioniert die Teamarbeit. Der Raum wird in Vor- und Hinterbühne, Drinnen und Draußen, On und Off geteilt. Da der zweite Akt draußen am Fluss spielt, wird die Mauer − der Mörtel wurde also absichtlich weggelassen − kurzerhand umgekippt, die Staubwolke mit Wassersprühern eingefangen. Rums, schon gibt es kein Drinnen mehr. Ein paar zum Kreuz aufgerichtete Ziegel erinnern an den im Fluss ertrunkenen Sohn der Ranjewskaja (Ursina Lardi), der das Gut mit dem Kirschgarten gehört. Vor Trauer mit der Tochter Anja (Aenne Schwarz) nach Paris geflohen, wo sie Trost auch in der Lasterhaftigkeit nicht finden konnte, kehrt sie − bankrott und seelisch zerrieben − zur Kirschblüte heim zu ihrem Bruder Leonid (Peter Kurth) und ihrer Pflegetochter Warja (Anna Grisebach), verlebt mit den Ihrigen einen nervösen, geborgten Sommer, bis das Anwesen verkauft wird. Und zwar an den neureichen, zum Frühkapitalisten aufgestiegenen Bauerssohn Lopachin (Devid Striesow). Der reißt das Gutshaus und holzt den Kirschgarten ab, parzelliert die Landschaft für Sommergäste − die aufstrebende Klasse der Kleinbürger.
von Anton Tschechow
Regie Thorsten Lensing, Jan Hein
Kostüme Anette Guther, Christel Rehm
Musik Willi Kellers
Es spielen Benjamin Eggers, Anna Grisebach, Maria Hofstätter, Valentin Jeker, Willi Kellers, Joachim Król, Peter Kurth, Ursina Lardi, Horst Mendroch, Philipp Richardt, Lars Rudolph, Aenne Schwarz, Devid Striesow, Rik van Uffelen
Termine 16.–18. Dezember jeweils 20 Uhr in den Sophiensælen
Karten unter: 28 35 266
Tschechow ist nicht nur seiner, sondern auch unserer Zeit voraus. Wir leben im Wohlstand auf Pump, wissen, dass das ökonomisch gar nicht funktionieren kann, sehen die Katastrophe kommen. Und wenn sie denn kommt − oder ist sie etwa schon hier? − wer weiß, ob wir es dann noch merken. Bei der abreisenden Ranjewskaja kann man sich jedenfalls nicht sicher sein, ob sie nicht nur einfach die Kulisse ihrer Verblendung wechselt. Immerhin lag der Kaufpreis 90 000 Rubel über den Hypotheken. Bei ihrem Lebenswandel wird das ein paar Monate ausreichen.
Lensing und Hein haben das Stück selber übersetzt und nach eigenen Aussagen keinen Satz gestrichen. Der Text wurde, so erzählte Striesow im Interview, am Tisch durchgesprochen und dann auf der Bühne in Durchläufen mit wenigen Unterbrechungen geprobt. Im Ergebnis sieht es so aus, als hätten Lensing und Hein ihren Teil der Arbeit zu früh als abgeschlossen betrachtet und zu früh aus der Verantwortung gegeben − in die Hände der Schauspieler. Anders als bei ihrem grandiosen „Onkel Wanja“ von 2008, der natürlich auch die Erwartungen an diesen neuen Tschechow hochgepeitscht hat, haut das diesmal nicht hin.
Die Spieler haben auch hier hervorragende Momente, sie tun, wofür wir sie lieben: Wie Lardi sich in posthysterischer Emotionsunfähigkeit die Tränen mit den Fingernägeln aus den Drüsen polkt! Wie Striesow seinem Triumph misstraut und mit seinen gelben Statussymbolschuhen auf dem eben erworbenen Grund herumtrampelt! Aber auch Joachim Król in seiner kleinen Rolle als Kontorist Epichodow, genannt „Missgeschick auf zwei Beinen“, gewinnt unsere Herzen mit gut gebauten Slapstick-Nummern. Peter Kurth hält eine bewegende Laudatio auf einen Metallspind, Lars Rudolph entwirft als ewiger Student eine nicht weniger bewegende Utopie des stolzen Menschen.
Es gibt − anders als bei „Onkel Wanja“, der sich organisch ins Orgiastische aufschaukelte − keine Entwicklung. Von Beginn an gehen im „Kirschgarten“ Emotionstölpel aufeinander los, mit Tritten, Schlägen, Tassen, Möbeln ohne einander zu erreichen. Sie (die Qualititätssteine!) halten nicht zusammen (Mörtel!). Vielleicht ist das ja Absicht (Moderne! Individualisierung! Unverbindlichkeit! Geminderte Wärmeleitung!). So wie es vermutlich auch Absicht ist, dass die Kostüme nicht passen und ständig verrutschten, so dass immer wieder Körperteile, vor allem weibliche, herauszufallen drohen (Verwahrlosung! Haltungslosigkeit!). So kommt es aber, dass man Schauspieler statt Figuren sieht und Kostüme statt Konflikte.
Zu Enttäuschung und Ratlosigkeit gesellt sich jedoch ein Drittes: die Hoffnung. Nämlich darauf, dass die Berliner Premiere vielleicht nur eine funkenlose Vorstellung war, dass diese Inszenierung noch nicht fertig, wohl aber am Leben ist und also gedeihen kann. Das Ei ist gelegt. Gekracht und geknirscht hat es auch. Wir schließen nicht aus, dass noch was schlüpft.