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Theater

02. Dezember 2012

Sophiensaele: Bauchgefühl an der Nutella-Schleuse

 Von Irene Bazinger
Ein dickes Kind. Foto: imago

Wie kam es zur heutigen Stigmatisierung von Leibesfülle? Eine der Fragen, denen sich Cora Frost in ihrem neuen Stück „Die Bucht der dicken Kinder“ stellt. Die Bucht der dicken Kinder: Ein Ort im Südpazifik, an dem einmal im Jahr das dickste Kind zum König gewählt wird.

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Berlin –  

Es ist leider wirklich wahr: Dicke Menschen haben es schwer. Sie gelten als dumm, faul und asozial. Das war jedoch nicht immer so. Irgendwann galt Körperspeck als Ausdruck von Wohlstand. Und versprach den Kindern bei ihren Eltern, Großeltern, Tanten greifbare Zärtlichkeit, Fürsorge, Geborgenheit.

Wie kam es zur heutigen Stigmatisierung von Leibesfülle, zur Ächtung derjenigen, die sie sich einfach nicht abschwitzen wollen? Solchen Fragen widmet sich Cora Frost in ihrem selbst inszenierten neuen Stück "Die Bucht der dicken Kinder". Dabei ist als ihre nicht geringste Leistung zu würdigen, dass es ihr gelungen ist, für die Uraufführung fünf typgerechte Schauspieler zu finden, die auf der Bühne der Sophiensaele auch zeigen, was sie eben zu bieten haben.

Vier Frauen und ein Mann liegen am Anfang im Dunkeln unter bunten Federbetten und wollen nicht schlafen. Später entpuppt sich dieser Schlafsaal als in der Bucht der dicken Kinder irgendwo im Südpazifik gelegen. Dort kennt man keine Scham und keine Marktwirtschaft, und einmal im Jahr wird das dickste Kind zum König gewählt.

An diesen elysischen Ort gelangt das Publikum über einen verwinkelten Weg und dann durch die Nutella-Schleuse, wo sich jeder, der zu leicht ist, um problemlos durchzukommen, mit dem kalorienreichen Brotaufstrich stärken kann. Die Kinder tanzen, wie es ihnen passt, und scheinen das Leben in bequemen XXL-Klamotten sichtlich zu genießen. Da tauchen zwei schlanke deutsche Touristen in trendigen Outdoor-Outfits auf, wollen „den Fettvorhang wegziehen“ und verderben fast die Sitten.

Frost folgt keinem geraden Handlungsfaden

Oder so ähnlich. Denn Cora Frost, die allseits geschätzte Sängerin, Tänzerin, Herrendarstellerin und Autorin, folgt hier keinem geraden Handlungsfaden, sondern lässt ihren skurrilen Assoziationen freien Lauf und durchkreuzt das Thema im vollen diskursiven Elan, hüpft beschwingt darüber hinweg, streift es amüsiert lächelnd. Sie singt ein bisschen, tritt als märchenernste Erzählerin auf und verstreut Kunstschnee.

Die erstaunten Touristen wollen bald ihr teures Gepäck loswerden, das sie, wie ihre Moral und Weltanschauung, bloß noch als Ballast betrachten können. Die Eingeborenen gehen ihnen an die Wäsche und werden nicht immer abgewiesen. Alle entblößen ihre Bäuche, reiben sie aneinander und bekunden so Kommunikationsbereitschaft.

Zum Schluss dürfen die Zuschauer nahe an einen Laufsteg heranrücken, um eine kleine Nummernrevue unter dem Titel „Das Wunder des Essens“ zu genießen. Es gibt Brot, Orangen, Kartoffeln und eine schöne Einlage von Lady Warrior (Marlena Keil), die sich nur von Klängen, Farben und Licht ernährt. Der Abend ist sicher nicht nach jedermanns Geschmack, aber auf seine Art schon auch lecker.


Die Bucht der dicken Kinder wieder am 4. und 5. Dezember, 20 Uhr, Sophiensaele, Karten-Tel. 030 / 283 52 66

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