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Spielzeiteröffnung Oper Frankfurt: Kein sicherer Ort

Hartmanns "Simplicius Simplicissimus"spiegelt die Zeit der Nazi-Herrschaft in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Momentaufnahmen einer geschundenen Seele in exemplarischer Qualität. Von Hans-Jürgen Linke

Claudia Mahnke brilliert als Simplicius Simplicissimus.
Claudia Mahnke brilliert als Simplicius Simplicissimus.
Foto: Monika Ritterhaus

Überall Gewalt und Tod, Lähmung und Leichenstarre. Ein Paradies, aus dem Simplicius hätte vertrieben werden können, gibt es nicht, seine Welt ist ganz und gar bedroht, sein Unwissen fundamental und seine Sehnsucht nach Geborgenheit kreatürlich. Christof Nels Inszenierung von Karl Amadeus Hartmanns "Simplicius Simplicissimus" beginnt mitten in einem unhaltbaren Weltzustand, einem Raum, der niemanden schützen kann.

Der Knabe Simplicius hat nichts als einen Dudelsack zur Abwehr gegen den Wolf, von dem er nicht einmal weiß, wie er aussehen könnte, der aber die Inkarnation des Bösen ist. Hartmann war noch nicht 30 Jahre alt, als er 1934 zusammen mit Hermann Scherchen das Projekt einer Oper nach Motiven aus Grimmelshausens Kriegs- und Schelmenroman entwickelte. Die 1935 entstandene Fassung war eine deutliche Reaktion auf den an die Macht gekommenen Nationalsozialismus.

Die Oper

"Simplicius Simplicissimus" von Karl Amadeus Hartmann, Oper Frankfurt, 10., 13., 17., 25., 27. September.

Dass Hartmann die Nazi-Herrschaft in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges spiegelt, zeigt seine illusionslose Weitsicht, mit der er den Bruch eines zivilisatorischen Konsenses in der Gesellschaft konstatierte und reflektierte. Simplicius als Identifikationsfigur spiegelt Hartmanns eigene Situation in der inneren Emigration. Weil er Wert legte auf deutliche politische Haltungen, war sein inneres Exil ein alles andere als gesicherter Ort; die Außenwelt, an der teilzunehmen er sich weigerte, konnte jederzeit in den labilen Innenraum einbrechen.

Diese Erfahrung wird destilliert in drei Szenen, die weniger Episoden aus Grimmelshausens Roman sind als vielmehr Momentaufnahmen einer geschundenen Seele: Am Anfang wird Simplicius überrannt von einer mörderischen Umgebung, von der er noch nichts weiß; in der zweiten Szene liest ein Eremit ihn auf und gibt ihm zwei Jahre lang Schutz und Unterweisung, um sich dann von ihm und aus der Welt zu verabschieden; und in der dritten wird Simplicius Hofnarr des Gouverneurs, bis Bauern unter Absingen eines verspäteten Bauernkriegs-Liedes hereinstürmen und alles niedermachen - außer Simplicius.

Die Oper Frankfurt hat Christof Nels Inszenierung vom Staatstheater Stuttgart übernommen, wo sie in der Spielzeit 2004/05 entstanden ist. Claudia Mahnke, die schon in Stuttgart in der Titelpartie zu erleben war, ist inzwischen Mitglied des Frankfurter Ensembles, und auch Frank van Aken, der den Einsiedel gibt, kennt die Inszenierung schon aus Stuttgart. So dass die Voraussetzungen für eine freundliche Übernahme gut waren.

Musikalisch liegt der Produktion die Fassung aus dem Jahr 1935 zugrunde. Hartmann hat später noch eine opulentere, eher opernhafte Version hergestellt, die in den sechziger Jahren gelegentlich auf den Spielplänen zu finden war. Mit der kleinen Besetzung und großer Perkussions-Abteilung (vier von gerade 14 Musikern spielen Schlaginstrumente) zeigt Dirigent Erik Nielsen einen ausgeprägten Sinn für dynamische Balance.

Die zum Teil wuchtig gesetzte Perkussion ist klangbewusst und aufmerksam ins Gesamtbild gefügt; nie ersetzt oder übertönt bedrohliches Wummern eine dramatische Entwicklung, und Hartmanns feinsinnige kompositorische Meisterschaft, mit der er fremdes Notenmaterial als autonomen Bedeutungsträger ins Werk einbaut, wird so deutlich, wie man sich das nur wünschen kann. Die Vielgestaltigkeit des Werkes, das zwischen Oratorium, Singspiel, Schauspiel-Musik und verstörtem Verstummen changiert, ist hier in allerbesten Händen; die Qualität kann man durchaus exemplarisch nennen.

Das gleiche lässt sich auch von Nels Inszenierung sagen. Sie schaut gezielt vorbei an äußeren Vorgängen und widmet sich den Befindlichkeiten und inneren Situationen, die Hartmanns Drama ausmachen, und sie wählt eben nicht die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges als Bilder-Reservoir, sondern evoziert eine beklemmende Situation von innerer Unfreiheit und ubiquitärer äußere Bedrohung.

Claudia Mahnke schafft es, jene schwierige Balance herzustellen, die der Geist des epischen Theaters, der hier überall zu hören und zu sehen ist, erfordert. Sie ist die legitime Mitte dieser auch in ihrer zweiten Auflage keineswegs risikoarmen Inszenierung. Frank van Aken als Einsiedel und Magnus Baldvinsson als Bauer geben eine markante Sozialisations-Achse für Simplicius, der überaus präzise agierende Chor (Einstudierung: Mathias Köhler) einen ausdrucksreiche Umgebung.

So dass die Oper Frankfurt eine Spielzeit-Eröffnung hat, wie man sie sich antithetischer kaum wünschen kann nach dem frühsommerlichen Saisonausklang mit Pfitzner. Nel, Nielsen, Mahnke und die anderen Künstler der Oper Frankfurt vermitteln eine eindrucksvolle und in deutschen Spielplänen viel zu seltene Begegnung mit dem Werk eines der hellsichtigsten Komponisten seiner Zeit.

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  7 | 9 | 2009
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