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Spirituelles Theater: Ein Solitär

Armin Holz inszeniert am Berliner Renaissance-Theater William Shakespeares "Was ihr wollt" mit großen Bühnenaltstars. Von Stefan Keim

Vertraut und doch rätselhaft: Hans Diehl, Markus Boysen, Angela Schmid.
Vertraut und doch rätselhaft: Hans Diehl, Markus Boysen, Angela Schmid.
Foto: Joseph Gallus Rittenberg

Die Bühne ist leer und dunkel. Es gibt keine Vorgaben, das Theater entsteht von einem Nullpunkt aus. Gitte Haenning tritt auf, die blonden Haare stehen vom Kopf ab. Sie trägt das Textbuch in den Händen und liest ab. Oder vielmehr singt sie ab, mit leicht verwaschener Aussprache und ihrer erdigen, kräftigen Stimme, aber ganz leise. Gitte, ehemaliger Schlagerstar und eine ausgezeichnete Jazzsängerin, gibt den Narren in einer ungewöhnlichen Inszenierung von William Shakespeares "Was ihr wollt", die von den Ruhrfestspielen ans Berliner Renaissance-Theater wandert.

Der Regisseur Armin Holz war einige Jahre verschwunden. Am Bochumer Schauspielhaus hatte er wunderliche Kunstwelten mit großen Schauspielern entworfen. Zum Beispiel ergründete er mit Sebastian Koch, Markus Boysen, Hans Diehl und vielen anderen in Oscar Wildes "Ein idealer Gatte" den Lebensentwurf eines Dandys. Holz arbeitet in einer Theatersprache, die völlig unzeitgemäß wirkt. Er sucht nicht nach tagespolitischen Pointen, Pathos ist ebenso erlaubt wie extrem stilisierte Gestik. Das Theater schmeißt sich nicht ran, will niemanden überwältigen, sondern als Kunstform erobert werden.

Armin Holz, der eng mit Peter Zadek zusammen gearbeitet hat, arbeitet immer mit exquisiten Besetzungen. Shakespeares poetische Komödie "Was ihr wollt" hat er nun mit einem Ensemble aus Altstars auf die Bühne gebracht, eine leidenschaftliche Liebesgeschichte mit Menschen um die 70. Doch wer einen ironischen Rückblickerwartete, erlebt eine Überraschung. In den Oldies steckt eine gewaltige Energie und Frische. Von Ilse Ritter kennt man das ja schon, die grazile Beweglichkeit, die helle Stimme, das jugendliche Temperament. Aber es ist wieder eine Sensation, wie sie das Zwillingspaar Sebastian und Viola spielt, das nach einem Schiffsunglück in der Fremde verloren geht. In Shorts und Strumpfhosen - die bunten Kostüme verbinden historische Aufführungspraxis mit Heutigem - sieht sie aufregend aus und zieht verschiedene erotische Fantasien auf sich.

Dieter Laser spielt den von Leidenschaft zerfressenen Orsino sehr körperlich, schwebt barfuß mit elegant abgezirkelten Bewegungen über die Bühne. Die Inszenierung bewegt sich ständig auf der Kippe. Wer sich nicht für die manchmal an asiatisches Theater, manchmal an expressionistisch-bunte Bilderwelten erinnernde Ästhetik begeistern lässt, könnte den Abend schlicht blöd finden. Künstlich, überspannt, hermetisch. Das ist er auch, und eben darin liegt seine Stärke.

Den Text haben Armin Holz und Gerhard Ahrens in ihrer Bearbeitung zwar reduziert, aber nicht die Figuren und die Vorgänge. Sie bleiben rätselhaft, lassen sich weder psychologisch noch als gesellschaftliches Phänomen erklären. Haushofmeister Malvolio - gespielt vom selten auf der Bühne zu sehenden Vadim Glowna - wird gedemütigt, und am Ende verschwindet er, nachdem er seine Enttäuschung kund getan hat. Einfach so, was mit ihm geschieht, muss sich jeder selbst denken. Bei aller Stilisierung hat die Aufführung eine einfache, sogar eine naive Grundstimmung. Da überlagern sich keine Kommentarschichten, Holz lässt Shakespeare spielen, als wäre es das erste Mal.

Doch selbstverständlich ist da mehr im Raum, viel mehr, versammelte Theatergeschichte. Das ist der Clou: Die Darsteller spielen ihr Alter nicht mit, sie spielen das Stück. Aber sie sind natürlich Dieter Laser und Elisabeth Trissenaar, Ilse Ritter und Angela Schmid, Hans Diehl und Markus Boysen, Vadim Glowna und Gitte Haenning. Sie tragen ihre vielen Rollen mit sich, die Aufführungen, Filme und Lieder, sie sind in ihren Gesichtern und Körpern eingeschrieben.

Holz hat unaufgeregt inszeniert, es stört überhaupt nicht, dass Gitte fast alle Sätze liest. Das Ensemble lässt sein Können funkeln, aber es gibt keine wuchtig inszenierten Höhepunkte, keine knalligen Gags. "Was ihr wollt" hat so einen meditativen Gestus, es ist spirituelles Theater, einfach in der Wirkung, kunstvoll im Detail. Was ebenso für die von Holz mit Matthias Weischer entworfene Ausstattung gilt wie für die Songs der Jazzmusikerin Lisa Bassenge. Die Inszenierung ist ein Solitär, ein eigenwilliges Werk Theaterkunst.

Ruhrfestspiele, Theater Marl: bis 6. Juni. www.ruhrfestspiele.deRenaissance-Theater Berlin: ab 12. Juni. www.renaissance-theater.de

Autor:  Stefan Keim
Datum:  4 | 6 | 2010
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