Der Anfang ist phantastisch. Parallel zu den glassplitterspitzen A-Dur-Akkorden des Vorspiels, die so gar nichts von Weihe wissen wollen, hebt sich der Vorhang und gibt das Bild frei auf eine leere Bühne. Darauf ein Baumstumpf. Deutsche Eiche, vermuten wir, dauerhaft unverwüstlich. Auf dem stumpfen Teller, in sich versunken, eine Marionette, die auch von der fis-Moll-Verschattung im Graben nichts wissen will. Je mehr sich aber der Klang öffnet, neue harmonische Felder generiert, hebt sich, und nicht wie von fremder Hand, sondern aus dem Schnürboden gesteuert, eine Marionette empor, sortiert die Glieder, bekommt ein Gesicht: das Antlitz Richard Wagners.
Im Verlauf seiner romantischen Oper "Lohengrin", die in der Inszenierung von Stefan Herheim und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim am Sonnabend an Berlins Lindenoper Premiere feierte, werden wir dem Herrn noch häufiger begegnen. Richard, der Luftgeist, Richard, der Kleinbürger, Richard, der Visionär. Aber erst mal ist Berlin dran. Denn jenes deutsche Reich, das Wagner im "Lohengrin" heraufbeschwört, das möchte Regisseur Stefan Herheim schon im Hier und Jetzt wissen, damit es ihm nicht entgleitet. Und weil die Opernsituation in der bundesdeutschen Kapitale so ist, wie sie ist, vertrackt nämlich, hat er sich gedacht: Denen zeige ich es mal, obschon: humoristisch. Also ist der Heerrufer (Arttu Kataja) ein echter Berliner Braunbär mit Schleife, gleicht der vokal profunde Kwangchul Youn als König Heinrich in Anzug und Attitüde ein bisschen dem Regierenden Bürgermeister, und hält das Volk eifrig Schilder hoch, auf denen zu lesen ist, welche Opern es gibt in Berlin, warum sie wie nützlich sind und was generell und überhaupt der Sinn einer "deutschen" Oper ist.
Man kennt das von Herheim. Er dehnt Stoffe gerne aus, nimmt konkret Bezug auf den Aufführungsort, kümmert sich um die Rezeptionsgeschichte, baut das alles zusammen zu einer Zumutung, die fast immer funktioniert, weil sie das Nachdenken über das Sinnhafte einer Oper erzwingt. Im Fall des "Lohengrin" tut dies wohl auch Not. "Lohengrin" war einer der Lieblingsopern Hitlers, er hat sie früh gehört. Was wenig Wunder nimmt, wenn man weiß, dass in diesem Stück ständig von "Heil", "Sieg", "Helden", "Ehre" und lauter solchem pathetisch überhöhten Quark die Rede geht. Herheim bürstet das gewaltig gegen den nationalistischen Strich, und auch für die Figur des Titelhelden hat er sich etwas Kluges ausgedacht.
Klaus Florian Vogt, dessen Textverständnis ebenso zu rühmen ist wie die fabelhaft phrasierte Clarté seines tenoralen Organs, kommt in ebenjener Gralswolke, in der die Wagner-Marionette ins Kuckucksheim hinaufschwebte, hinab zu denen von Brabant. Ein edler Ritter? Das auch. Aber mehr noch eine in silbrig weißer Rüstung schimmernde, von Gott (dem wahren großen Marionettenspieler?) gesandte Himmelspuppe mit allen Lohengrin-Accessoires (Horn, Helm undsoweiter). Nur so ist sie glaubwürdig, diese Lichtgestalt: als überhöhte Märchenfigur. Denn im Märchen sind zwei Dinge erlaubt: Unschuld und Wunder. Also ist auch dieser makellose Ritter erlaubt, um den schon zu Beginn jene Taube herumflattert, die erst in der Gralserzählung der Schlussaktes von ihm selbst ins Spiel gebracht wird.
Und so staunen sie ihn dann eben auch an, die Bürger: als nie gesehenes Wunder. Und vor allem Elsa, "die Tugendhafte", von Dorothea Röschmann mit lyrischer Inbrunst verkörpert, himmelt hoch jauchzend. Kein Paar ist in dieser Konstellation heute denkbar. Da aber die Liaison zwischen Elsa und dem heiligen Ritter beschlossene Sache ist, weiß auch Lohengrin, was unausweichlich ist: "Ich liebe dich". An dieser Stelle fährt Herheim dazwischen und sagt: Gut, wenn ihr solchen Kitsch glaubt, dann bleibt mir keine andere Wahl, als den selbigen zu servieren. Flugs verwandelt sich die Bühne aus einer Agora in ein schmuckvolles Puppentheater mit echten Zinnen, Kuppen, Burgfräulein, Rittern und Knappen (Bühne: Heike Scheel). Gegeben wird das Rittermärchen "Lohengrin". Wie sagt Roland Barthes: "Um in der Wahrheit zu sein, genügt es mir, mir hartnäckig Mühe zu geben: eine unbegrenzt bejahte ,Illusion' wird, entgegen und trotz allem, zur Wahrheit."
Der ganze zweite Akt spielt auf dieser (metaphorischen) Ebene. Lüge ist Wahrheit, Wahrheit ist Märchen, zusammen ist es Oper. Nur zwei wollen das gar nicht glauben. Ortrud (Michaela Schuster) und Friedrich (Gerd Grochowski). Sie sind die Agnostiker, die alle Irrationalität als ebensolche zu entlarven wissen, für sie gibt es, was sie stimmlich beglückend glaubhaft machen, nur eins: die Macht. Macht gegen Märchen, das ist ein ungerechtes Spiel. Aber an diesen Reibungen gewinnt der träge zweite Akt. Erstaunlich daran: Weder Herheim noch Barenboim, der seine Staatskapelle sonst zu exquisiter Deutlichkeit und zügigen Tempi animiert hatte, wissen gegen die Überlängen ein probates Gegenmittel.
Umso furioser kracht die G-Dur-Einleitung zum dritten Akt in den Saal. Was richtig ist, schließlich steht der Hochzeitsmarsch auf dem Programm. Und jetzt, endlich, könnte das Märchen umkippen in eine richtige Liebesgeschichte à la "Tristan und Isolde". Doch ist Lohengrin nicht Tristan, ein Utopist, sondern eben doch nur ein Windmühlenbläser, und Elsa, von Ortrud mit hinreichend Gift getränkt, auch nur eine misstrauische Jungfer. So wie Herheim das zeigt, ist es klar, dass aus diesem Paar nie etwas werden konnte. Und damit auch nichts aus dem sorgenfreien Dasein in Brabant respektive Berlin. Doch mit solcher Trübsal, die durch den mystischen Abgang Lohengrins kaum gemindert erscheint, kann und will Herheim nichts anfangen. Also lässt er, kaum hat der Titelheld seinen Schlussvers gesungen ("Seht da den Herzog von Brabant/ zum Führer sei er euch ernannt"), eine weitere Marionette vom Himmel fallen. Plumps macht es, irgendjemand reckt ein Schild in die Höhe: "Kinder, schafft Neues". Ein phantastisches Ende.
Staatsoper Unter den Linden: 08. und 12. April. www.oper-in-berlin.de