Endlich ist etwas in Bewegung geraten. Der Messing-Kronleuchter im Salon des Gutes der Ranjewskaja war vorher lieblos mit einer Kordel seitlich am Bühnenportal festgebunden. Das ganze Stück über. Jetzt, da die alten Besitzer das marode Gut verlassen haben, reißt plötzlich das Seil, löst sich der vergessene Leuchter aus seiner Verankerung, schwingt mit glühenden Birnen weit aus wie ein Pendel und scheint eine neue Zeit einläuten zu wollen. Die Dinge haben sich verselbständigt, die alte Herrschaft ist fort.
Der junge Tilmann Köhler, Hausregisseur am Dresdner Staatsschauspiel, nimmt die Worte in Anton Tschechows Komödie "Der Kirschgarten" ziemlich genau. Vom Kronleuchter ist einmal die Rede und zweimal vom melancholischen Klang einer zerspringenden Saite oder doch nur eines Seils im Bergwerk, man weiß es nicht sicher. Und Köhler formt daraus ein neues poetisches Bild, wie er es in all seinen Inszenierungen immer wieder trefflich macht.
Exemplarisch dafür ist in seinem Dresdner "Kirschgarten" auch die Nebenfigur Charlotta. Bei Tschechow trägt sie eine Flinte mit sich herum, führt Zauberstückchen vor und knabbert an einer Gurke. Was macht man mit diesem für eine Gouvernante doch etwas seltsamen Verhalten? Köhler lässt es einfach zu. Die lange Cathleen Baumann spielt unter seiner Regie mit Anklebeschnauzer und niedlichen Zöpfen eine komische Figur, ein Zwitterwesen aus Mann und Frau, Kind und Clown, als Gouvernante unbrauchbar und überflüssig geworden. Ein unaufdringliches Sinnbild für diese in Tschechows Stücken untergehende Epoche, für die Unentschlossenheit ihrer Herrschenden und ihrer Intelligenzija und für deren Weigerung, verantwortlich zu handeln, ja überhaupt tätig zu werden.
Stattdessen erblüht der Charme der lustvoll überspielten Verzweiflung in allen Zerstreuungen, denen sich das Personal hingibt, vom Flirten und Sonnen übers Pfeifen und Balancieren bis zum Schnitzen und Lesen. Für alle Figuren, die hier pausenlos auf der Bühne sind, auch wenn sie nur auf den Stühlen im Hintergrund herumschnarchen, findet Köhler vielfältige Betätigungen des Nichtstuns.
Den Kirschgarten selbst nimmt er übrigens gerade nicht wörtlich. Die blühenden Bäume sind zum quadratischen Dielenboden geronnen, der am Ende zerhackt wird. Der Garten aber, der hoch verschuldete und durch profitable Parzellierung bedrohte, sind wir, die Gesellschaft, das Publikum, in das die Schauspieler verträumt blinzeln, wenn sie von der weißen Blütenpracht sprechen.
Christine Hoppe ist eine tolle Ranjewskaja, klassisch, schön, zerbrechlich und genusssüchtig, komplett unfähig, ihren Anteil an der Not ihrer Leute zu begreifen, nur das liederliche Vorleben will man ihr nicht ganz glauben.
Der greise Diener Firs, in anderen Inszenierungen gern mal vernachlässigt, setzt dank Ulrich Anschütz´ wunderbarer Lakonik mit seinen Kommentaren eines Schwerhörigen diesem absurden Endzeitspiel die Krone auf.
Man könnte nun den reichen Lopachin, Nachkomme von Leibeigenen und mit Weitblick ausgestattet, als unsentimentalen Mann der Tat inszenieren, ein Gegenbild zur in Schönheit erstarrten Oberschicht. Der kraftstrotzende Matthias Reichwald kehrt aber heraus, dass sich hinter seinem Arbeitstrieb und seiner Geldgier auch nur Perspektivlosigkeit verbirgt. Er tut zwar etwas mit der Totalsanierung des Gutes, weiß aber nicht wofür.
Selbstvergessen und verloren sind sie alle. Schön ist da die Tatkraft, mit der Köhlers Ensemble Theater macht. Quasi per Hand, wenn die Schauspieler die Holzdrehbühne anschieben, und ganz theaterbodenständig, wenn sie den Hof grunzen und das Morgengrauen erzwitschern lassen. Bei Köhler dürfen Live-Musiker nicht fehlen, die mit Gitarre und Klarinette die melancholische Saite zum Klingen bringen, die später symbolisch reißt. Mit Respekt und Bescheidenheit hat Köhler sich Tschechow genähert. Das Ergebnis ist alles andere als bescheiden.
Staatsschauspiel Dresden: 3., 11., 18. Juni. www.staatsschauspiel-dresden.de