Das klang gut vom ersten Ton an - und das ist bei dieser Oper einer Erwähnung wert. Oft genug bekommt man die hohen Streicher-Pianissimi, mit denen Giuseppe Verdi seine "Aida" beginnen lässt, recht verzittert und verzagt serviert. Hier aber, am Staatstheater Darmstadt, wurde nicht warmgespielt und hineingemogelt. Hier durfte sich Verdis Partitur über die gesamte Dauer in Reinform präsentieren.
Constantin Trinks, der neue Darmstädter Generalmusikdirektor, stellte mit Verdis wunderlicher Ägypten-Oper seine erste Premierenproduktion vor. Seinen Musikern und ihm gelang das Kunststück, "Aida" sensibel und dynamisch höchst beweglich klingen zu lassen, ja ausgeklügelt selbst dort, wo kräftig zugelangt werden musste. So gab Trinks der Triumphmusik anstatt des üblichen Pathos´ lieber die Würze des Bedrohlichen mit und stellte so eine noch deutlichere Fallhöhe her zu jenen lyrischen Passagen, bei denen er ein Herz besonders für tiefe Holzbläser zeigte.
Auch der Kontakt mit der Bühne stimmte. Noch nicht bei der Radames-Romanze "Celeste Aida", in die Zurab Zurabishvili wie von der Liebe trunken hineintaumelte. Doch war der Darmstädter Tenor zuvor auch als erkältungsbedingt indisponiert angekündigt worden, was im ersten Akt an den deutlich angestrengten Spitzen hörbar wurde. Aber es siegten die Selbstheilungskräfte des Georgiers mit dem so italienisch anmutenden Timbre - mochte dieser Radames letztlich eingemauert enden, seine Tenorstimme klang ungleich freier als zu Beginn.
Meist hat Yamina Maamar leichtes Spiel auf der Darmstädter Bühne, die Sopranistin des Ensembles gilt als Publikumsliebling und konnte sich auch als Sklavin Aida der Sympathien sicher sein. Doch mit der chinesisch-amerikanischen Mezzosopranistin Yanyu Guo als Amneris bekam sie eine fast übermächtige Rivalin. Amneris-Stahl trifft auf Aida-Wachs, die Markantere dominiert die Ebenmäßigere. Mit der Konsonantenbildung standen allerdings beide auf dem Kriegsfuß, sie hätten auch ägyptisch singen können. An Stimmfarbe und -potenz mangelte es auch dem zweiten Gast nicht, dem niederländischen Bariton Bastiaan Everink als Äthiopierkönig Amonasro.
Solche Angaben können skeptisch stimmen: "Nach einer Inszenierung von Michael Heinicke", so wurde die "Aida" am Staatstheater Darmstadt angekündigt. Heinicke ist der langjährige Operndirektor und Chefregisseur an den Städtischen Theatern Chemnitz, vor eineinhalb Jahren brachte er dort die "Aida" heraus, die jetzt - man weiß nicht, wie und warum genau - als Basis dessen diente, was man in Darmstadt zu sehen bekam. Die Kostüme jedenfalls, üppig karnevalesk, kamen aus Chemnitz (Bühne und Kostüme von Peter Sykora), ebenso die Idee des zentralen Kubus´, der die Macht verkörperte und von dem leider im ersten Akt schon bekannt wurde, dass er abgesenkt werden kann - so dass niemand mehr staunte, als er sich ein zweites Mal senkte zum Finale über dem malerisch hingegossenen Paar Aida / Radames.
Als "kammerspielartiges Psychogramm" wurde die Chemnitzer Version beschrieben - für Darmstadt müsste man andere Begriffe finden. Versuchen wir es so: Wer die Tableaux vivants jener "Aida"-Aufmärsche mag, die des Sommers von osteuropäischen Billigunternehmen auf Open-air-Tourneen geschickt werden, wird auch den Darmstädter Kostümzauber zu schätzen wissen. Doch in Darmstadt klingt´s besser.
Staatstheater Darmstadt, Großes Haus: 22., 29. Oktober. www.staatstheater-darmstadt.de