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Theater

26. November 2012

Staatstheater Darmstadt: Der flaue Engel

 Von Judith von Sternburg
Ja, sie würde alles tun: Lola Wolf.  Foto: Barbara Aumüller

Die Musical-Variante von "Der blaue Engel" behandelt den Stoff von "Professor Unrat" mit überraschender Oberflächlichkeit. Diana Wolf als Lola würde alles tun und trotzdem noch schläfrig dabei aussehen. Sie singt schlecht, aber hinreißend. Die guten Szenen des Musicals betonen eher, wie schwach der Rest ist.

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Ein Professor Raat, der „Bird Girl“ von Antony and the Johnsons singt, bevor das Licht ausgeht: Das ist keine überzeugende Idee. Wäre Professor Raat alias Unrat ein Mann, der in einem solchen Moment so etwas hinbekommt – und Heinz Kloss bekommt es hin, stilvoll sogar, trotz seines bedauernswerten Zustandes –, müsste er sich weit weniger Sorgen um seine Zukunft an der Seite von Lola Lola machen.
Die restlose Zerstörung, Zermalmung, Pulverisierung einer bürgerlichen Seele, die zu ihrem Entsetzen immer noch in einem intakten und für alle sichtbaren Körper steckt, hat in der Nähe zuletzt Michael Goldberg am Schauspiel Frankfurt vorgeführt – auch er sang übrigens, aber Leonard Cohen und allein für Lola. Heinz Kloss am Staatstheater Darmstadt ist ein grundlegend anderer Typ: abgeklärt wie Nathan der Weise (mit dem er hier 2009 seinen Einstand gab), eher genervt als verzweifelt, eher unwillig als am Boden, eher nüchtern als bebend. Auch unterschwellig wallt beim besten Willen nichts. Nicht zu glauben und auch nicht zu sehen, dass und wie ein solcher Mann einem Varietéluder hörig wird. Der Zuschauer muss es hinnehmen.

Oberflächenbehandlung in überraschendem Ausmaß

Während ihm auch insgesamt der Gedanke kommen kann, dass Regisseur Martin Ratzinger sich in überraschendem Ausmaß mit einer Oberflächenbehandlung des Stoffs begnügt. „Der blaue Engel“, nach Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ und dem Drehbuch des Sternberg-Films von Peter Turrini für die Bühne bearbeitet, ist nurmehr ein Musical: mit gelungenen Gesangsnummern – im Graben hockt eine kleine Combo, musikalische Leitung: Michael Erhard – und ärgerlich unausgeklügelten Sprechszenen dazwischen. Zum Musical passt das hübsche Bühnenbild von Anna-Sophia Blersch: einerseits die Blaue-Engel-Bühne, andererseits ein Klassenzimmer, das auf dem Kopf steht, ohne dass das irgendwelche Folgen für die Inszenierung hätte (außer dass die Hängelampen zu Stehtischen werden).

Diana Wolf als Lola Lola ist aber eine ansehnliche Verbindung aus Nonchalance und dem Ehrgeiz, der den ganz kleinen Leuten zugeschrieben wird. Sie würde alles tun und trotzdem noch schläfrig dabei aussehen. Sie singt schlecht, aber hinreißend. Den meisten Schwung nimmt der Abend, wenn das Ehepaar Kiepert zugange ist, Sonja Mustoff als Scharteke und Tom Wild als Mephisto. Allerdings gibt es Lagen, in denen das Stärkere nur betont, wie schwach der Rest ist.

Staatstheater Darmstadt: 30. November, 7., 9., 16., 25., 31. Dezember. www.staatstheater-darmstadt.de

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