Ein Bild des Prinzen beherrscht die Bühne. Es zeigt ihn nicht so sehr als künftigen König von Popo, sondern vor allem als Jet-Set-Angehörigen. Natürlich ist das eine Existenz voller Ödnis und Leere.
Aus dem Lotterbett in der Bühnenmitte taucht Lukas Piloty auf. Er langweilt sich, liest in Frédéric Beigbeders hippem Roman "39,90", wie sich Octave Parango langweilt, kokst wie er und ist erfreut, als sich endlich auch Valerio, Felix Mühlen, aus dem Plumeau rappelt. Man kommt ins Gespräch, und Valerio haut ihn mal kurzerhand zusammen, dass das Blut spritzt. Leonce nimmt es nicht weiter krumm. Gelangweilte junge Leute, die keine anderen Probleme haben, scheinen so miteinander umzugehen.
Staatstheater Mainz, TiC: 31. März, 1., 9., 12., 27. April. www.staatstheater-mainz.de
Mit dem Druck durch die alten Knalltüten hat das nicht zwingend zu tun. Der Königshof aus Georg Büchners Generationskonflikt-Satire "Leonce und Lena" spielt in Hannes Rudolphs Inszenierung für das Mainzer Staatstheater nur am Rande eine Rolle. Zlatko Maltar als König Peter im Rollstuhl - ein Bild für den Thron, das nun jeder leicht versteht - hat lediglich Johanna Paliatsou als Präsidenten und Staatsrat in Personalunion an seiner Seite. Sie reicht ihm die Sauerstoffmaske, die zugleich als Mikro dient. Valerio, zu Derbheit und sexuellen Assoziationen neigend, spielt ihr übel mit.
Schlaff sind sie, und brutal
Dieser Dreh ins Handgreifliche, in die Aggression, die dem Nichtstun auf den Fuß folgt, zieht sich durch den Abend. Er wirkt dadurch Shakespearischer als gewohnt, aber wie ein grobschlächtiger Shakespeare. Die Jugend von damals, aus der Hannes Rudolph eindeutig eine Jugend von heute macht, tendiert nicht ins Melancholisch-Anarchische, sondern zu einem Mix aus Schlaffheit und Brutalität. Eine unangenehme, wenngleich keineswegs neue Vorstellung, dass das die Zukunft sein soll.
Eine Botschaft zudem, die Rudolph mit einer für Mainzer Schauspielverhältnisse unerwarteten Schwerfälligkeit transportiert. Das mag teilweise daran liegen, dass man sich in dem Riesenbett von Tobias Schunck zwangsläufig erdenschwer bewegt. Drum herum knirscht der Belag, wenn König Peter seinen Rollstuhl wendet, es ist eng und heiß, im Stück wie im Saal. Dazu kommt, dass Büchners Sprache nur bisweilen in Fluss kommt. Am besten fließt es ausgerechnet, wenn die Mainzer vom Text abschweifen, Leonce zum Beispiel Valerio das Wort "Italien" raten lässt und Valerio noch einmal allen Zuschauern deutlich macht, woran er ständig denkt. Oder wenn Leonce ausführlich die "materiale Implikation" anhand einer möglichen Ehe mit Lena oder mit der Unbekannten (ebenfalls Lena) durchexerziert.
Noch schwerer wiegt, dass das Ensemble immer wieder unbeweglich wirkt (ein Ensemble, dass sonst derartig auf Draht ist). Als Lena und ihre Gouvernante auf ihren nächsten Auftritt warten, stehen sie im Halbdunkel am Rand herum und haben offenbar Order, starr zu blicken. Dabei sind Verena Bukal, eine Lena, die das Leben kennt, und Katja Hirsch als ihre schwesterliche Gouvernante ein gutes und gut eingespieltes Team, ganz heutige Freundinnen beim Rauchen und Schabernack treiben. So sympathisch das ist, so austauschbar und auf viele Theaterstücke anwendbar ist es auch.
Unwohlsein und Zähigkeit
Dass sich Unwohlsein in Zähigkeit ausdrückt, hat zwar etwas für sich, aber so viel auch wieder nicht. Text und Handlungsverlauf sind viel zu vertraut für ein halbentschlossenes Herantreten. Und die Langeweile, die Leonce durch seine Jugend hindurch quält, kann den Zuschauer bereits bei einer übersichtlichen Spieldauer von 1 Stunde 40 ankommen.