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Staatstheater Mainz: Hier draußen

Das Staatstheater Mainz begibt sich mit Tschechows "Möwe" zwanglos in den öffentlichen Raum: Das Theater versucht nicht, Realität zu werden, sondern ganz es selbst zu sein, aber mal anders.

Kurz im Guckkasten: Julia Kreusch.
Kurz im Guckkasten: Julia Kreusch.
Foto: Bettina Müller

Ein Thema, das sogar die Figuren in Anton Tschechows "Möwe" an- und aufregt, wendet Matthias Fontheim für seine Inszenierung am Mainzer Staatstheater rigoros nach außen: die Frage nach einem neuen Theater und dem angemessenen Ort dafür.

Das Theater, das der junge Konstantin eigens für seinen nicht auf alle Zuhörer lächerlich wirkenden Monolog von der Weltseele hat aufstellen lassen, befindet sich nun im öffentlichen Raum vor dem Kleinen Haus. Die Zuschauer nehmen Klappstühle und bilden einen großen Kreis um ein kleines Podest. Zaungäste haben nicht einmal einen Zaun zwischen sich und der Handlung. Ein Reinigungsfahrzeug zieht seine Kreise und ist zu laut, um nicht in den Dialogen beziehungsweise den Monologen der Schauspielerin Arkadina, Julia Kreusch, vorzukommen. Jungschauspielerin Nina - Johanna Paliatsou, die die Nymphe perfekt mit dem Mädchen von nebenan kombiniert - saust mit dem Rad herbei. Als sie am Aktende Tschüs ruft, grüßen die zufällig, aber ausdauernd zuguckenden Jungs mit Migrationshintergrund freundlich und ironiefrei. Gerne wüsste man, wie es ihnen gefallen hat.

Schnell unheimlich lebendig

Denn trotz des noch dazu teils schadhaften Mikrofon-Einsatzes entfaltet sich hier doch im Nullkommanichts ein Tschechow-Panorama, bei dem wenige Momente - wie im Stück gefordert - Menschen unheimlich lebendig werden lassen: Katharina Knap ist keine elegische, sondern eine schwerdepressive Mascha. Knap ist kaum wiederzuerkennen. Kreusch, die auch diese Rolle nach ihrem Bilde gestaltet, zeigt einen beklemmenden Übergang von Arkadinas beißendem Spott zum Zorn der Selbstgerechten. Sohn Konstantin, Lorenz Klee, läuft bei ihr gegen eine Gummiwand. Das Theater, wie man sieht, braucht keine echte Gummiwand, sondern lediglich starke Schauspieler, um das ins Bild zu setzen. Während Nina Kostjas Stück aufführt, sehen wir das Mienenspiel der schauspielernden Zuschauer. Verachtung vermengt sich mit Gleichmut. Ungefähr so blicken wir auch: Theaterzuschauer sind Monster.

Bitte die Sitznummern beachten

Zuerst wirkt es betrüblich, dass eine Frauenstimme erläutert, wie es nun weitergeht: hinein in den Saal, die Garderobe kann abgegeben werden, und bitte auf die Sitznummern achten. Auf den zweiten Blick ist das vielleicht nicht dem Organisationswillen der Mainzer geschuldet, sondern eine gute Idee: Hier versucht das Theater schließlich nicht, Realität zu werden, sondern ganz es selbst zu sein, aber mal anders.

Vorm geschlossenen Eisernen Vorhang geht es weiter, der sich dann für eine klassische Guckkastenbühne mit Sommerhaus-Interieur öffnet. Für das bittere Ende sitzen die Zuschauer wieder im Freien, wo es vergnügt vom Haus des Weines herüberquakt. Die Darsteller bespielen auf zwei Etagen die Gänge des gläsernen Kleinen Hauses. Wir dürfen von draußen zuschauen. Das ist apart, aber wer ungünstig sitzt, sieht nur die schicken Metallstreben.

Entscheidend ist aber, dass Regisseur Fontheim nicht bloß spielen lässt, sondern Theater spielen lässt. Hinterm Effekt ist immer die tadellose Schauspielerleistung.

Staatstheater Mainz: 3. Juli. www.staatstheater-mainz.de

Autor:  JUDITH VON STERNBURG
Datum:  25 | 6 | 2009
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