Recht ratlos lässt Dietrich Hilsdorf sein Wiesbadener Premierenpublikum zurück. Der Regisseur, der nicht nur hier am Staatstheater immer verlässlich provokante und kompromisslos zupackende Opernabende bescherte, hat nun "Tristan und Isolde"inszeniert, seine erste Wagner-Oper. Um Wagner hatte der aufrechte Theatermann bisher bewusst einen Bogen gemacht - und jetzt eine Ausnahme zu wagen, war wohl keine gute Idee. Denn Hilsdorf, der Bühnenaktivist, passt denkbar schlecht zum "Tristan"-Komponisten Wagner, der in dieser Oper so rein gar keinen Ansatzpunkt fürs Handfeste zur Verfügung stellt.
Dietrich Hilsdorf ging an den "Tristan" mit den gleichen Mitteln, mit denen er kürzlich ebenfalls in Wiesbaden für Webers "Freischütz" eine so starke Interpretation geliefert hatte - nur wirken diese Mittel diesmal ausgelutscht. Wieder sieht man sich in einem faschistischen System, wieder trägt die Macht dunkle Militärmäntel, auch das nach einer Vergewaltigung befleckte Nachthemd fehlt nicht. Das Böse, zu dem auch der noch nicht zauberbetränkte Tristan gehört, tobt sich aus und hat dafür vom Bühnenbildner Dieter Richter ein ekeliges Verlies gebaut bekommen, einen Fritzl-Keller mit sieben Stahlrohrbetten.
Dieser Unort ist auch Schauplatz des dritten Aktes, in dem der Regisseur eine merkwürdige Wendung versucht: Hier scheinen alle Gefangene von König Marke zu sein, Kurwenal und Tristan fantasieren nur, dass Isolde mit einem Schiff zu Hilfe eilt, Tristan zu heilen. Isolde wird gefesselt und mit Augenbinde in das Verlies geführt, Marke ist auch dabei. Der Hirte robbt querschnittsgelähmt über die Bühne, Tristan sitzt in dessen Rollstuhl. Und irgendwann hockt Brangäne auf König Markes Schoß. Mit dem Wagner-Text passt dies alles nur schwerlich zusammen, Hilsdorf bog es sich mit Mühe zurecht.
Dennoch hatte dieser Schlussakt streckenweise jene Intensität, die den beiden vorangegangenen Akten fehlte, vor allem der unbeholfenen Liebesgemach-Szene mit ihrem täppischen Nesteln an Ärmelknöpfen und dem klassischen Hand-in-Hand-am-Bühnenrand. Denn im dritten Akt blühte der Tristan-Sänger Alfons Eberz, zuvor doch etwas unausgewogen zwischen Stemmtönen und Manierismen pendelnd, zu großer Form auf. Seine Rettungsvisionen gingen stimmlich wie darstellerisch wirklich unter die Haut, und er fand dabei in Thomas de Vries als Kurwenal einen hervorragenden, kräftig physischen Partner.
Ohnehin hätte "Tristan und Isolde" an diesem Abend oft den Namen "Kurwenal und Brangäne" verdient. Denn auch bei den weiblichen Protagonisten zeigte Silvia Hablowetz (Brangäne) eine deutlich markantere Leistung als die warmstimmige, aber wenig durchsetzungsfähige Turid Karlsen (Isolde). Auffallend schön, liedhaft intim, gar nicht böse: Bernd Hofmann als zum Rollstuhl-General degradierter König Marke.
Ein wenig schrille hohe Holzbläser, das allerdings war das einzige, was man an der Orchesterleistung hätte aussetzen können. Marc Piollet - ein "Tristan" ist in Wiesbaden natürlich Chefsache - sorgte für einen herrlich orgiastischen Wagner-Ton, satt und warm und von konzentrierter Gespanntheit. Piollet übrigens war es auch, der Hilsdorf zur Aufgabe seines Wagner-Boykotts bewegen konnte: Er entlockte ihm die Zusage im eigenen Sportwagen unter Wagner-Beschallung, so berichtete der Regisseur der lokalen Presse. Schade um das teure Benzin.
Staatstheater Wiesbaden, Großes Haus: 5., 19. April.