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Tanz und Politik: Schwan in Stiefeln

Auch bei seiner neuen Produktion "Independent Swan" setzt Choreograph Jo Fabian wieder auf Überwältigung, auf Lautstärke, Marschformation und Theaternebel. Von Sylvia Staude

Bei Independent Swan geht es deftig zu.
Bei "Independent Swan" geht es deftig zu.
Foto: Departement

Vor dem Mauerfall wurde Jo Fabian, Jahrgang 1960, von der Stasi geplagt, nach dem Mauerfall wurde er ein Wunderkind des ostdeutschen Theaters. Dann hörte man einige Jahre nichts mehr von ihm. Bis er sich 2008 zurückmeldete mit einem offenbar eher nachrangigen Stück. Und nun mit "Independent Swan", das (noch am heutigen Samstag ) im Frankfurter Mousonturm gastiert, und bei dem schon der erste Eindruck ist: oho.

Im Bühnenhintergrund ein verfremdetes Hakenkreuz, davor auf Podesten drei Trommler in kurzen schwarzen Hosen, weißen Kniestrümpfen - die Hitlerjugend lässt grüßen. Davor vier Tänzer in langen schwarzen Mänteln, Sonnenbrillen, Springerstiefeln, roten Armbinden. Eine der vier - es sind zwei Männer, zwei Frauen - wird zuletzt auf den Spitzen ihrer Springerstiefel den sterbenden Schwan machen, durchbohrt schließlich von den rechts und links aufgepflanzten Fahnenstangen.

Jo Fabian, der wie stets auch bei "Independent Swan" Regie, Raum, Licht, Video und "Katagraphie" (so nennt er sein Choreografie-System) verantwortet, hat bereits in der Vergangenheit gern über nationalsozialistische Ästhetik nachgedacht. Und manchmal hat er arg mit ihr geflirtet - so wie er es jetzt wieder tut.

Um das Eingebundensein des Menschen in Systemen geht es Fabian, das als teils angenehm, teils unangenehm empfunden wird, um "Militarismus und Symphonie", "Gehirn und Rhythmus". Der Regisseur und Choreograf macht gern viele Worte um seine Stücke, obwohl man ihm eines zugleich nicht absprechen kann: Talent für das mächtige Theater- und Bewegungsbild.

Hitler-Sprech über Leasing-Verträge

Auf weiße Quadrate hat er die Tänzer gestellt, zu "un, deux, trois, quatre" und vehementer Trommelei treten sie auf der Stelle. Arm- und Handbewegungen fließen ein, rare Hüpfer wie im Volkstanz. Einer der Darsteller ereifert sich im Rededuktus eines Hitler oder Goebbels darüber, dass ihm ein Leasing-Vertrag angedreht wurde. Später waschen die vier ihre Hände sowie Ping-Pong-Bälle in Blut und dotzen die Bälle auf die Bodenquadrate, so dass sich rote Spuren abzeichnen. Der Schwan wird rot bespritzt, der Trommler bespritzt sich selbst, nachdem seine Kollegin Farbe aufs Fell hat fließen lassen.

Jo Fabian setzt auf Überwältigung, auf Lautstärke (neben Live-Musik gibt es Rammstein), Marschformation, Theaternebel, Scheinwerferbatterien. Es ist fraglich, ob man der dunklen Faszination der Nazi-Ästhetik so beikommen kann.

Mousonturm Frankfurt: 16. Januar. www.mousonturm.de

Autor:  Sylvia Staude
Datum:  15 | 1 | 2010
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