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Theater

06. März 2016

Tanzplattform Deutschland: Wer hat Angst vor Tanz?

 Von 
Lea Moros Trio „(b)reaching stillness“.  Foto: Dieter Hartwig

Die zwölfte Tanzplattform Deutschland, diesmal ausgerichtet vom Frankfurter Mousonturm, lässt einige bewegungssprachliche Nabelschau betreiben.

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Die Tanzplattform Deutschland, die bis zum gestrigen Sonntag im Rhein-Main-Gebiet stattfand, ist kein Festival wie andere. Alle zwei Jahre soll sie eine Leistungsschau, sozusagen ein Exzellenzcluster zeitgenössischer deutscher Produktionen sein. Und da sie getragen wird von den wichtigen Tanzveranstaltern des Landes, die es jenseits von Stadt- und Staatstheatern gibt, von der Leipziger euro-scene über Kampnagel, Hamburg, bis zum Stuttgarter Theaterhaus, richtet sie ihren Blick fast ausschließlich auf die freien Tanzgruppen und den Stand ihrer Entwicklung.

Mehr als 200 Produktionen hat die Jury diesmal gesichtet, eine Leistung. Und der Frankfurter Mousonturm hat bei dieser nun zwölften Tanzplattform die Mühen der Organisation auf sich genommen, hat diverse Spielorte in Frankfurt, Darmstadt, Offenbach, Bad Homburg ins Boot geholt und vernetzt, nicht zuletzt mit Bus-Shuttles. Es standen freundliche Helferinnen bereit, es gab Lage- und Fahrpläne, trotzdem ist ein für das Fachpublikum ohnehin anstrengendes Festival durch diese Streuung noch einmal anstrengender geworden. Und die Tanzplattform wird eben weit überwiegend von Fachpublikum besucht, sie taugt nur sehr bedingt dazu, neue Besucherquellen für den Tanz zu erschließen.

Das hat zum einen mit ihrem Anspruch zu tun, der auf mit dieser Kunstform noch Unvertraute keine Rücksicht nimmt – und nicht nehmen kann. Das hat zum anderen sicher mit der Konstruktion zu tun, dass nämlich eine aus Gründen der Praktikabilität relativ kleine Jury für ein Fachpublikum kuratiert: Die teils von weither Angereisten zu beeindrucken, von einem solchen Bedürfnis wird sich eine Jury nicht ganz frei machen können. Aber mit was bloß beeindrucken im Jahr 2016, in einer Tanzwelt, die sich ins Unüberschaubare diversifiziert hat?

Die Grenzen zu den anderen Bühnenkünsten – und nicht nur zu ihnen – fallen seit Jahren schon, der Tanz hat sich längst zu Mischformen verdünnt, zu Konzertperformances, Mitmachanimationen, Passanten-Choreographien im Stadtraum. Manchmal ist er darin nurmehr eine homöopathische Dosis. Wie kühn schon Oskar Schlemmer 1922 den Tanz zum Spiel der fantastischen Puppenmenschen und Geometrien machte, zeigte ja ausgerechnet diese zwölfte Tanzplattform, indem auch das vom Juniorensemble des Bayerischen Staatsballetts aufs Feinste getanzte „Triadische Ballett“ (in der Rekonstruktion Gerhard Bohners von 1977) eingeladen wurde.

Ian Kalers „o.T. (gateways to movement)“.  Foto: Eva Würdinger

Die zweite eingeladene Produktion einer großen Bühne war Meg Stuarts „Until Our Hearts Stop“, das an den Münchner Kammerspielen entstand. Es ist eine mehr als zweistündige Betrachtung des Menschen als soziales Tier, das sich umarmt und beschnuppert, das ringt und boxt und rempelt, schreit und singt („Song Sung Blue“), das sich auszieht und umzieht, das Weihrauch abbrennt und Witzchen macht als Conférencier. Das Publikum wird einbezogen, das leuchtet ein, Zigaretten, Whiskey werden offeriert, eine Zuschauerin wird weggezaubert, die fabelhaften Dienste anderer Zuschauer werden angeboten. „Until Our Hearts Stop“ ufert aus, nervt, bekommt wieder die Kurve, beeindruckt. Und spielte auf der Tanzplattform in einer eigenen Liga.

Die Jury scheint sich unter Originalitätsdruck gefühlt zu haben. Aber sind Exzentrizität im Sinne der Besetzung einer Nische und Plakativität die richtigen Auswahlkriterien einer Leistungsschau? Das fing schon mit Monika Gintersdorfers/Knut Klaßens „Not Punk, Pololo“ vom Eröffnungsabend an, das mehr rotzige Geste war – nimm das, Schauspielpublikum! – als großer Wurf. Das ging offenbar weiter mit einer „sozialen Choreographie“ namens „On Trial Together“, die die Rezensentin nicht besuchte, von der ihr aber fassungslos erzählt wurde. Und die Leidensbereitschaft sowohl der Darsteller als auch des Publikums testeten Verena Billinger und Sebastian Schulz mit „Violent Event“: Die fünf Akteure schlagen, boxen, fesseln, quetschen, beschießen, sogar waterboarden sich, tanzen (tatsächlich!) zuletzt nach dem DAF-Lied von 1981 den Hitler, den Mussolini, Jesus Christus.

Sollte die Tanzplattform wenigstens ein kleines Abbild aktueller Entwicklungen im Tanz sein, so scheint es durchaus noch (wieder?) um eine Forschung am Körper und an der Bewegung zu gehen. Freilich nicht im Sinne des Erstellens einer Bewegungspartitur für ein Ensemble, sondern einer Individualisierung des Stils, eines Hineinhorchens in sich selbst. Sogar das mit 22 Tänzern besetzte „Collective Jumps“ von Isabelle Schad präsentiert sich als enge Versuchsanordnung, wird doch nicht ausgebrochen aus minimalistischen Kollektivformationen.

Billinger/Schulz: „Violent Event“.  Foto: Florian Krauß

Antje Pfundtners poetisches Solo „nimmer“ wird ganz von ihrer Persönlichkeit getragen und ließe sich nur auf eine Tänzerin übertragen, die ebenso gut, ebenso märchentanten-verführerisch sprechen kann.

Ähnlich gilt das für Ian Kalers „o.T. (gateways to movement)“, obwohl er sich neben der Techno-Musikerin Aquarian Jugs den Tänzer-Choreographen Philipp Gehmacher als Gast dazu geholt hat. Die im Detail vielfältigen Bewegungseruptionen, das Rastlose, gebrochen Zuckende, das Abarbeiten an Nuancen und winzigen Verschiebungen erscheint als Möglichkeitenuntersuchung am eigenen Körper. Bei Kaler wurde einmal gar nicht geredet; eine Ausnahme auf der ziemlich verplapperten Tanzplattform. Adam Linder wiederum spreizte sich zunächst in einer P-Wörter-Parade: „Parade“ heißt auch sein Stück und bezieht sich auf das 1917 von den Ballets Russes uraufgeführte Werk. Zwei Tänzerinnen und Linder präsentieren sich hier recht hübsch in solistischen Miniaturen, es geht um den Zwang zur Selbstvermarktung.

Mut zu einem Ausrufezeichen bewies ausgerechnet die Jüngste unter den Choreographen des Festivals: Lea Moro wagte im Trio „(b)reaching stillness“ provozierende Bewegungslosigkeit wie pathetischen Tanz, Mahlers „Auferstehungssinfonie“ wie goldene Plastikpalmen wie die lässige Erfrischung am Wasserspender. Eigentlich ist man am Ende dieses Festivals nur bei ihr richtig neugierig, was sie sich noch für Tanz-Welten ausdenken wird.

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