Eigentlich sollte die Premiere in New York sein und ganz anders. Als Gerard Mortier designierter Leiter der New York City Opera war, vereinbarte er mit Alain Platel einen Abend zu Verdi-Musik. Bekanntlich kam alles anders, aber Platel hatte die Tänzer engagiert, sie hatten andere Angebote abgesagt - er musste ein Stück mit ihnen machen, wenn auch nunmehr "Out of Context". So heißt jetzt der Abend, und der Titel passt in jeder Beziehung. Nie war eine Arbeit von Alain Platel so spielerisch, so leicht und unangestrengt und dabei von abgründiger Melancholie durchweht.
Die Bühne ist leer und bleibt es lange. Dann hört man Schritte: Rosalba Torres Guerrero kommt durch den Zuschauereingang, geht auf die Bühne, bis ganz nach hinten, und beginnt sich umzuziehen. Nach und nach treffen neun Tänzer ein, wie zum Probenbeginn: Sie entledigen sich ihrer Straßenkleidung, nur steigen sie nicht in Trainingsklamotten, sondern stehen in Unterwäsche da und hüllen sich in rote Decken. In den nächsten 80 Minuten folgt ein dichter Bewegungsablauf aus Hunderten kleiner Gesten, Zuckungen, Drehungen, ein Sichtbarmachen von Körperfunktionen und -störungen, von Ticks, unbewussten Grimassen, Verrenkungen und Ungeschicklichkeiten - alles sehr bewusst getimed, rhythmisiert, choreographiert. Danach ziehen sie sich wieder an und verbeugen sich. Jubel.
Fingerübungen ohne Klavier
Auch diesmal interessiert sich Platel vor allem für das, was aus dem Kontext fällt, ob soziale Ausgegrenztheit, psychische Krankheit oder Lebensuntüchtigkeit. Aber es gibt keinen Zusammenhalt durch eine Geschichte, die erzählt, eine live gespielte Musik, die kontrastiert wird: Die Musik kommt vom Band, die Tänzer singen Popsongs, und es gibt jede Menge Tierstimmen: Löwenbrüllen, Möwenschreie, Undefinierbares. Die Ausgangssituation. irgendwo zwischen Zoo, Disco und Klapsmühle, verwischt sich ins Assoziative und lenkt die Aufmerksamkeit auf die hinreißende Virtuosität der Tänzer. Aber es ist kein Schautanzen, eher ein Schau-Körpern, bei dem eine Choreografie aus Mundzuckungen bestehen kann, aus Fingerübungen ohne Klavier oder einem Händeschütteln mit der Fußsohle. Schiefe Köpfe, stumme Schreie, zu Boden stürzende Körper, vorsichtiges Betasten eigener und fremder Haut, schüttelnde Arme und Beine, zitternde Rücken - plötzlich wird ein Augenblinzeln riesengroß, eine herausgestreckte Zunge zum wilden Tier im eigenen Schlund. Es ist eine Welt aus Unbewusstem und Überbewusstem, eine Entdeckungsreise zum Körper der Seele und zum Geist der Verstörung.
Boten der Außenwelt
Kernstück ist eine lange und sehr komische Dancefloor-Szene, in der die Tänzer einander suchen und verlieren, zum wummernden Beat mit ernstem Gesicht Schlagerzeilen zitieren "Give it to me, Baby" oder "Voulez-vous coucher avec moi?". Das hat einen feinen, ein wenig verzweifelten Humor, die nackten Körper ausgesetzt und verletzbar, die Decke als einziger Besitz und die Sehnsucht nach Zärtlichkeit oder wenigstens Beachtung als Antriebskraft.
Plötzlich tauchen zwei maskierte, bekleidete Personen auf, tanzen eine Runde mit und verschwinden wieder. Bei der Premiere im Kaaitheater sind es Eric De Volder und Leen De Verman, berühmte flämische Schauspieler, aber die Boten der Außenwelt sollen von Vorstellung zu Vorstellung wechseln.
Als Heilpädagoge hat sich Alain Platel seit jeher für die Abgründe zwischen Gesundem und Krankem, Norm und Deformation interessiert. Alle seine Stücke handeln davon. Aber seit er mit einer festen Gruppe von Tänzern arbeitet, kann er auf den vorherigen Erfahrungen aufbauen und seine Recherche vertiefen. Nach religiöser Ekstase in "vsprs" und dem Leiden der Welt in "Pitié!" entdeckt er nun die Leichtigkeit und Schönheit des Absonderlichen.
Wenn Ross McCormack seine Schulterblätter kreisen lässt, als sollten Flügel daraus wachsen, Hyo Seung Ye mit "Hello-hello- hi"-Rufen Aufmerksamkeit zu erregen versucht, wenn alle mit ausgebreiteten Armen und gebeugtem Rücken taumeln wie blinde Vögel oder die Körper schwanken lassen wie Rohre im Wind, wenn Emile Joss allein weitertanzt, um dann beschämt zur Gruppe zurückzukehren - es sind faszinierende Bilder, die nur von diesen Tänzern so erfunden werden konnten. Deshalb müssen ihre Namen hier stehen: außer den bereits Genannten Elie Tass, Kaori Ito, Mathieu Desseigne Ravel, Melanie Lomoff, Romeu Runa. Ihnen gebührt genauso viel Anerkennung wie Platel, der aus ihren Vorschlägen das Stück komponiert hat. Und wie Glenn Gould, dessen guter Geist, wie zu hören ist, über der Arbeit schwebt.
Kaaitheater, Brüssel, 17. Januar, www.kaaitheater.be